Haredim/Leserfrage/Nationalreligioese/Tempelberg

Leserfrage: „Warum besuchen nationalreligiöse Juden den Tempelberg und Haredim nicht?“

B“H
Eine weitere Leserfrage, die ich beantworten möchte:
Warum wollen zahlreiche national-religiöse Juden auf dem Tempelberg beten, während die Charedim das für falsch halten? Vielleicht könntest du etwas näher auf die orthodoxen Positionen zu diesem Thema eingehen. Das würde sicherlich nicht wenige Leute im deutsch-sprachigen Raum interessieren.
Ich denke, dass ich vorweg kurz erklären sollte, was denn genau nationalrelig. Juden und Haredim sind. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung weiß das nicht zu unterscheiden, obwohl es immens wichtig ist.
Nationalreligiöse Juden sind diejenigen, die religiös – zionistischen Idealen folgen. Heutzutage kennen wir viele von ihnen als israelische Siedler, aber, und das ist wichtig, nicht nur! Nationalreligiöse Juden leben genauso in Städten. Erkennen tut man sie anhand ihrer gehäkelten Kippot. Sie gehen zur Armee, arbeiten und leben ein ganz normales jüdisch – religiöses Leben.
Haredim hingegen sind das, was man in englischer und deutscher Sprache als Ultra – orthodox bezeichnet. Wobei, und das ist ebenfalls wichtig, es enorme Unterschiede innerhalb des nationalreligiösen sowie haredischen Sektor gibt. Es existieren unterschiedliche Ausrichtungen und hierbei darf auch nicht der Bereich der sepharidschen Juden vergessen werden, die da gleichzeitig in beiden Kategorien vertreten sind.
Grundsätzlich habe ich die Leserfrage bereits auf meinem alten Blogspot – Hamantaschen beantwortet und hier ist der Artikel dazu:
http://hamantaschen.blogspot.co.il/2008/08/der-tempelberg-und-kein-ende.html
Wer heute als Jude den Tempelberg besuchen will, der ist, egal in welche Kategorie er gehört, eingeschränkt, denn die muslimische Tempelwache Waqf lässt Juden nicht überall auf dem Tempelberg zu. Christliche Besucher haben da wesentlich mehr Bewegungsfreiheit seitens der Waqf.
Das nationalreligiöse – zionistische Judentum ist der Ansicht, dass Juden den Arabern zeigen müssen, dass sie den Tempelberg nicht aufgegeben haben und so einfach widerstandslos den Moslems überlassen. Man will Präsenz zeigen und besucht allein deswegen den Tempelberg.
Ein weiterer Grund ist, dass es im Judentum eine Meinung gibt, die da sagt: Um den Meschiach zu bringen, müssen wir selber aktiv werden und nicht allein darauf warten, dass G – tt ihn irgendwann schickt. Juden allein sind in der Lage, die Ankunft des Meschiach zu beeinflussen. Im positiven sowohl als auch im negativen Sinne. Warum also nicht den Tempelberg, dem zukünftigen Standort des Dritten Tempels nach der Ankunft des Meschiach, besuchen? Wo liegt das Problem?
Zu Zeiten des Ersten und Zweiten Tempels konnte nicht eben mal jeder so zum Tempel gehen und herumwandern. Zuerst musste der Besucher diverse Bedingungen erfüllen. Ganz wichtig dabei für Männlein und Weiblein: Der vorherige Besuch der Mikweh (des Ritualbads). Um den Tempelberg herum kann jeder heute die Ruinen der alten Mikwaot (Mehrzahl von Mikweh) sehen. Die ganze Gegend ist voll davon.
Wenn nationalreligiöse Gruppierungen heute den Tempelberg besuchen, muss jeder Teilnehmer vorher in einer Mikweh gewesen sein. Ggf. muss der Mikweh – Schein sogar vorgezeigt werden.
Die Mikweh ist das einzige, was wir heute tun können. Zu Tempelzeiten wurden Juden mit der Asche der verbrannten Roten Kuh spirituell gereinigt. Das fällt heute flach, da es keine anerkannte Rote Kuh gibt.
Diese Asche sowie die Ansicht, dass wir heute (bis zur Ankunft des Meschiach) spirituell unrein sind, wird von der haredischen Gesellschaft ernst genommen und das ist einer der Gründe, warum Haredim den Tempelberg nicht besuchen.
Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die Lage des Allerheiligsten (Kodesh HaKedoshim) und der Azarah (des Außenhofes). In die Azarah durften nur Cohanim (Tempelpriester / Nachfahren des Aharon).
Wo genau war diese Azarah und das Kodesh HaKedoshim? Natürlich weiß man, dass der Felsendom auf dem Platz des Allerheiligsten steht. Der Talmud gibt genaue Auskünfte über die Maße des Zweiten Tempels. Wo welches Gebäude stand, die Größe und was auch immer. Nur kann man das zu unserer Zeit nicht mit 100%iger Bestimmtheit sagen und um nicht auf eine Stelle zu treten (wie die Azarah), die Nicht – Cohanim verboten ist, bleibt man lieber weg. Nur, um Zweifeln aus dem Wege zu gehen. Haredim betrachten sich als besonders fromm und wollen keine Kompromisse eingehen, die da alles so easy erscheinen lassen. Lieber etwas strenger sein als nachlässig und am Ende noch was falschmachen.
Aus meiner Sicht haben beide Gruppierungen Recht. Ich finde, dass den Moslems gezeigt werden muss, dass die Juden da sind und das ihnen der Tempelberg gehört. Man darf nicht vergessen, dass Jerusalem mit keinem einzigen Wort im Koran Erwähnung findet. Einzig und allein berufen sich Moslems darauf, dass der Prophet Mohammad mit seinem Pferd vom Tempelberg aus in den Himmel ritt. Mohammad aber war niemals in Jerusalem.
Weder Juden noch Christen ist es erlaubt, auf dem Tempelberg zu beten. Wer als Jude seine Lippen zum Gebet bewegt oder irgendwie auffällt, wird sofort von der Waqf und der israelischen Polizei entfernt. Gut, man darf denken. Mehr aber auch nicht. Still an einem Ort verweilen, ist ebenso verboten, denn dann könnte man ja auch beten. 
Warum nun rasten die Moslems aus, wenn gerade Juden auf dem Tempelberg beten wollen? Weil ihre oberen Herrschaften wissen, dass Juden dadurch den Meschiach bringen könnten. Als die israelische Armee vor genau 50 Jahren die Jerusalemer Altstadt von der jordanischen Besatzung befreite, kam ein Araber auf einen Juden zu und überreichte ihm den Schlüssel eines alten Gebäudes.
Wir erinnern uns: Im Jahre 1948 entfachten die Araber (damals nannten sie sich noch nicht Palästinenser) einen Krieg in der Altstadt und schmissen alle Juden hinaus. Oder man brachte die Juden gleich um. 
Der Araber gab dem Juden die Hausschlüssel zurück mit den Worten: „Ich wusste immer, dass ihr eines Tages wieder zurückkommt und habe die Schlüssel all die Jahre aufbewahrt.“
Die Antwort auf die Leserfrage also lautet, dass nationalreligiöse Juden andere Prioritäten setzen. Sie wollen den Arabern gegenüber Präsenz zeigen, damit Moslems nicht bei der UNO behaupten, die Juden kommen nicht zum Tempelberg und haben ihn eh aufgegeben. Folglich brauchen sie ihn gar nicht mehr.
Darüber hinaus sind nationalreligiöse Juden der festen Überzeugung, dass sie das Gebiet der Azarah nicht betreten, weil man eben die genauen Maße kennt.
Meines Erachtens nach haben die Haredim auch Recht und man kann streiten, wer jetzt zum Tempelberg hinaufgeht oder nicht. Das muss jeder Jude selber wissen.
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