Baal Teschuva (Neureligioese)/Leben/Psychologie

Kann man seine eigene Vergangenheit ablegen?

B“H
Zwischen zwei deutschen Persönlichkeitsentwicklungs – Youtubern tobt momentan ein heftiger Beef. BEEF – so jedenfalls nennt man es, wenn zwei Youtuber aufeinander losgehen.
Auf den Zoff will ich an dieser Stelle nicht unbedingt eingehen. Kurz gesagt, einer der Beiden veröffentlichte ein ebook, in dem er ziemlich abstruse Tipps zur Persönlichkeitsentwicklung gibt. Sein etwas schräges Weltbild verleiht dem ganzen Unterfangen noch einen Hauch von Fatanismus. A la, „die Welt sei Böse und man müsse stets auf der Hut sein“.
Was besagter Youtuber mit diesem Weltbild proklamiert ist, seine Vergangenheit total abzulegen. Schlimmer noch. Er hasst seine eigene Vergangenheit, in der er übergewichtig war und den ganzen Tag nur Computerspiele spielte. Er kam davon los und nun will er der schlechten Welt erklären, wie andere das ebenso schaffen können. Dabei beschimpft er in seinem ebook Übergewichtige und Let’s Player aufs Übelste.
Seine eigene Vergangenheit vergessen zu wollen, weil man jetzt ein besseres zufriedeneres Leben führt? Funktioniert sowas?
Die Grundidee beschränkt sich nicht auf die Persönlichkeitsentwicklung allein, sondern sie ist auch in der Ba’alei Teschuva (jüdisches Neureligiösen – Movement) anzutreffen. Jemand, der sein Leben lang säkular lebte und sich irgendwann entschied, eine Leben nach der Thora zu führen. Egal, ob jetzt haredisch (Ultra – orthodox) oder nationalreligiös.
Auf einmal hat jemand ein anderes neues Leben, neue Freunde und eine neue Lebenseinstellung. Was einem früher wichtig war (Ausgehen, Filme, Party, etc.) ist out und stattdessen wurden völlig andere Lebensinhalte gefunden. Ich habe Leute erlebt, die sich wegen ihrer Vergangenheit schämten, wobei dazu gar kein Grund bestand. Okay, man hockte vor dem Fernseher, fraß alles in sich hinein und lebte halt so sein Leben. G – tt spielte keine Rolle, was jedoch nicht zwangsläufig bedeutet, dass man nie an ihn geglaubt hat.
Mag sein, dass einem Neuveganer seine fleischige Vergangenheit geradezu peinlich ist. Ein Muskelmann will nicht mehr an seine Vergangenheit mit Chipstüte und Fast Food erinnert werden. All das ist irgendwie ganz natürlich, denn man will ja nach vorne schauen und weiterkommen.
Andererseits kann niemand seine Vergangenheit so einfach ablegen und so tun als ob es sie nicht gibt. Theoretisch geht das, denn, wie gesagt, derjenige will nach vorne schauen. Der negative Aspekt jedoch ist, dass man dementsprechend ungeduldig mit seinen Mitmenschen wird, die nicht so wollen wie man selber. Darüber hinaus wird vergessen, dass jeder Mensch anders gepolt ist und wenn ich mein neues Leben so super toll finde, bedeutet dies noch lange nicht, dass ich herumrennen muss, um andere zu missionieren. Wenn ich dabei auf Ablehnung stoße, ist das nur allzu verständlich, denn ich kann ja nicht erwarten, dass ich mit meiner Begeisterung die Welt ändere.
Egal in welche Richtung man sich im Leben verbessert, die eigene Vergangenheit nimmt man überall mit hin. Es nützt mir nichts, all die Leute, welche mich an meine Vergangenheit erinnern, zu hassen bzw. niederzumachen. Die wahre Größe liegt eher darin zu akzeptieren, dass andere Leute ein anderes Leben bevorzugen und sich nicht meinen Ideen anschliessen.
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