Purim/Rabbi Joseph Dov Soloveitchik

Purim und die Verwundbarkeit des Menschen

B“H
„All moments, past, present, and future, always have existed, always will exist.
When a person dies he only appears to die. He is still very much alive in the past.“
(„Slaughterhouse Five“ by Kurt Vonnegut)

 

In einem früheren Blogartikel berichtete ich von einem Purim – Kommentar, den der jüdische Philosoph Rabbi Joseph B. Soloveitchik verfasste: Obwohl der Mensch sich stark und unfehlbar gibt, so ist er in Wahrheit extrem verwundbar.
Warum kommt Rabbi Soloveitchik ausgerechnet in einem Purim – Kommentar zu dieser Erkenntnis? Gilt nicht gerade Purim als der jüdische Karneval, wo sich alle betrinken und überschwenglich feiern?
In Purim nichts Anderes als eine Art Karneval zu sehen, ist eine totale Fehlinterpretation. Obwohl wir an Purim verpflichtet sind, fröhlich und ausgelassen zu feiern, gibt es dennoch eine zweite Seite.
Im Judentum hat jeder Feiertag einen spirituellen Gegenpart. Bei Purim ist das der Yom Kippur (Versöhnungstag). Bei Letzterem handelt es sich um einen 25 – stündigen Fastentag, den die Juden vorwiegend in den Synagogen verbringen. Man bittet G – tt um Vergebung für die eigenen Vergehen und gleichzeitig darum, ins „Buch des Lebens“ eingetragen zu werden. Jedenfalls auf ein weiteres Jahr. 
Bei beiden Feiertagen handelt es sich um keine traurigen Tage. Auch nicht am Yom Kippur, denn letztendlich ist man froh, dass G – tt einem die Vergehen vergibt.
Was beide Feiertage gemeinsam haben ist die sogenannte „Cheshbon Nefesh“. Das IN SICH KEHREN und über seine Vergehen nachdenken. Genau das taten nämlich die Juden in Schuschan (heute Iran) als sie von Hamans Befehl der Vernichtung hörten. Sie schrien zu G – tt auf, dass dieser den Massenmord doch verhindere. Und ja, sie wollen sich bessern und nicht mehr so g – ttlos leben wie zuvor. Im damaligen babylonischen Exil (nach der Ersten Tempelzerstörung) ging es den Juden sehr gut. Weit hatte man es in der Diaspora gebracht, war assimiliert und aß sogar das unkoschere Essen, welches bei der Party des Achaschwerosch serviert wurde. Wenn es einem gutgeht, ist G – tt uninteressant. Man braucht Ihn nicht. Wozu auch?
G – tt kommt erst wieder dann ins Spiel, wenn der Mensch Probleme hat und nicht mehr weiter weiß. Gestern noch erfolgreich und heute ist all der Ruhm futsch.
Nicht nur Rabbi Soloveitchik betrachtet den Menschen als arrogant und egoistisch. Sobald aber die heile Welt zu zerbrechen droht, wird dem Mensch die eigene Verwundbarkeit bewusst.
An jedem Purim denke ich an eben diese zweite Seite des Festes. Vermutlich auch, weil ich nicht der Typ bin, der sich sinnlos besäuft und in der Ecke liegt. 🙂
Auf der einen Seite geniessen wir den freien Willen im Leben, auf der anderen Seite aber müssen wir bei Fehlentscheidungen die Konsequenzen tragen.
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