Braeuche/Chassidut Belz/Chassidut Toldot Avraham Yitzchak/Kleidung/Leserfrage

Leserfrage: „Warum sollte ein Outsider keine chassidische Kleidung tragen ?“

B“H
Ein Leser meines englischen Blogs fragte nach, warum einige Haredim (ultra – orthodoxe Juden) verärgert reagieren, wenn ein Outsider (jemand, der nicht zur chassidischen Gruppe gehört), deren chassidische Kleidung trägt. Hierbei geht es nicht um Chabad oder diverse neurelig. Breslover Movements, wo sich jeder Jude einfach einen traditionellen Hut aufsetzt oder entsprechende Kleidung anzieht und vorgibt, Chabad oder Breslov zu sein. Die Leserfrage bezieht sich vielmehr auf nicht so offene chassidische Gruppen wie Belz, Satmar, Gur, etc. Gruppen, bei denen ein Newcomer ein 2 – 3 jähriges Aufnahmeverfahren durchlaufen muss.
Die simpelste Antwort auf die Frage lautet: Warum sollte jemand eine „Uniform“ anziehen, wenn er nicht Teil dessen ist, was die Uniform repräsentiert ?
Warum sollte jemand die Lust verspüren, sich eine Polizeiuniform anzuziehen, wenn er gar kein Polizist ist ? Okay, eine Polizeiuniform gilt als etwas Offizielles und chassidische Kleidung eben nicht. Nichtsdestotrotz, warum sollte jemand etwas zur Schau stellen, wenn alles doch nur eine Lüge ist ?
Immer wieder treffe ich in Jerusalem auf ganz unterschiedliche Juden, die bezüglich ihrer chassidischen Kleidung in mehrere Kategorien einzuteilen sind.
1. Der oder die „Schomer / Schomeret Minhag einer bestimmten chassidischen Gruppierung – Ein Jude, der lediglich den Bräuchen einer bestimmten chassidischen Gruppe folgt und ansonsten nicht dazugehört bzw. zugehören will und sich auch nicht unbedingt chassidisch kleidet“.
2. Ein offizielles Mitglied einer chassidischen Gruppe. Egal, ob hineingeboren und später dazugestossen.
3. Ein Jude, der kein offizielles Mitglied einer chassidischen Gruppe ist, der sich aber von chassidischer Kleidung magisch angezogen fühlt. Hier sage ich „Hoffentlich“ ein Jude und kein christlicher Missionar, der seine wirren Lehren verbreiten will.
Anhand eines Beispiels will ich das noch etwas besser verdeutlichen und gleichzeitig zeigen, wie chassidische Rebben mit Juden umgehen, welche einer chassidischen Gruppe beitreten wollen. Mit ernsthaften Absichten, versteht sich.
Ich kenne jemanden, der vor vielen Jahren offiziell der chassidischen Gruppe Belz beitrat. Irgendwann jedoch kam in ihm das Bedürfnis auf, engeren Kontakt zu einem Rebben zu haben und, aufgrund der Tausenden Chassidim, ist dies in Belz ein Ding der Unmöglichkeit. Der Belzer Rebbe ist extrem busy und der Normalo Chassid spricht vielleicht ein oder zweimal im Jahr beim Rebben vor.
Der Belzer also kam zu dem Entschluss, dass er sich eine neue kleinere Gruppen suchen will, in der der Rebbe jeden Tag oder mehrmals die Woche zu sprechen ist. Und so fand er die chassidische Gruppe Toldot Avraham Yitzchak.
Und was sagte der Toldot Avraham Yitzchak Rebbe zu dem potenziellen Kandidaten für die Mitgliedschaft ?
Der Rebbe nahm den ehemaligen Belzer Chassid in das mehrjährige Aufnahmeverfahren auf, sagte ihm aber, dass ein Nicht – Mitglied nicht die chassidische Kleidung der Toldot Avraham Yitzchak tragen sollte. Und somit kleidete sich der ehemalige Belzer und jetzt Toldot Avraham Yitzchak Kandidat nach wie vor im Belz Style.
Immer wieder treffe ich auf eine recht hohe Anzahl von chassidisch interessierten Juden, die eine Gruppierung besonders lieben und nach deren Bräuche leben. Hierzu gibt es sicherlich unterschiedliche Gründe. Vielleicht fühlt sich derjenige unter den Gruppenmitglieder einfach nur wohl, ohne selber offizielles Mitglied zu sein.
Im deutschsprachigen Raum kann man sich das vielleicht weniger vorstellen, trotzdem gibt es Leute, die sich von chassidischer Kleidung angezogen fühlen. Mag sein, dass es besonders cool ausschaut. Schlimmstenfalls entwickelt sich dann das, was mir hier in Jerusalem begegnete: Ein Jude gab sich in chassidischer Kleidung als Mitglied einer bestimmten Gruppierung aus. Die Behauptung erwies sich als falsch, aber er lügt munter weiter.
Wenn ich Mitglied einer chassidischen Gruppe werden will, dann gehe ich in deren Synagoge und versuche, Mitglieder kennen zulernen. Erstmal herumschauen, ob das alles zu mir passt oder auch nicht. Falls ja, spreche ich bei der Rebbitzen (ein Mann beim Rebben) vor und frage mal nach. Wo liegt das Problem ? Ich ziehe mir doch nicht irgendwelche Klamotten an und beginne eine Show bzw. lüge mir selber die Hucke voll.
Im deutschsprachigen Raum kann man sich das vielleicht weniger vorstellen, trotzdem gibt es einige Leute, die sich von chassidischer Kleidung angezogen fühlen. Mag ein, dass es besonders cool ausschaut. Schlimmstenfalls entwickelt sich dann das, was mir hier in Jerusalem begegnete: Ein Jude gab sich in chassidischer Kleidung als Mitglied einer bestimmten Gruppierung aus. Die Behauptung erwies sich als falsch, aber er lügt weiter.
Wenn ich Mitglied einer chassidischen Gruppe werden will, dann gehe ich in deren Synagoge und versuche, Mitglieder kennen zulernen. Erstmal herumschauen, ob das alles zu mir passt oder auch nicht. Falls ja, spreche ich bei der Rebbitzen (ein Mann beim Rebben) vor und frage mal nach. Wo liegt das Problem ? Ich ziehe mir doch nicht irgendwelche Klamotten an und beginne eine Show bzw. lüge mir selber die Hucke voll.
Es gibt Juden, die laufen in chassidischen Klamotten herum und benehmen sich alles andere als religiös. Wenn dazu noch ein Outsider in chassidischer Uniform herumläuft und, wer weiss was, alles anstellt … warum sollen Chassidim dann nicht sauer sein ? Wenn dieser Jemand der Gruppe einen schlechten Ruf verpasst.
Nicht weniger diejenigen, die sich fälschlicherweise als Mitglied einer chassidischen Gruppe ausgeben, es in Wirklichkeit aber nicht sind. Ihre Lüge wird lediglich von Leuten geglaubt, die sich mit dem Chassidismus absolut nicht auskennen. Bei richtigen Gruppenmitglieder kann derjenige seine falsche Behauptung nicht verbreiten, denn in einer chassidischen Gruppe kennt jeder jeden. Generell ist die jüdische Welt sehr klein und nicht selten kommt es vor, dass man sich kennt.
Prinzipiell schadet sich derjenige, der einfach irgendwelche Klamotten anzieht, nur selbst. Die richtigen Chassidim sehen in ihm nicht weiter als den Freak, der so tut als gehöre er dazu. Will derjenige dann doch einmal beim Rebben vorsprechen, kann es leicht sein, dass dieser ihn sofort ablehnt, denn mit seinem vorgetäuschten Verhalten hat er sich jegliches Vertrauen zunichte gemacht.
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8 Kommentare zu “Leserfrage: „Warum sollte ein Outsider keine chassidische Kleidung tragen ?“

  1. Bei uns in Deutschland gibt es wohl einige Möchtegern-Juden. Sie werden als Kostümjuden bezeichnet. Einen habe ich sogar im Internet kennen gelernt. Der betreibt einen Blog und äußert merkwürdige Ansichten. Diese Leute sind weder bei Juden noch bei Christen gut angesehen.

    Herzlich, Paul

  2. B“H

    „Kostuemjuden“ ?

    Der Begriff ist mir absolut neu, die Absicht, die dahinter steckt, hingegen nicht.

    Es gibt tatsaechlich ein paar Leute, die sich in Deutschland, der Schweiz oder vielleicht auch in Oesterreich als Juden ausgeben, es aber nicht sind. Ich denke, dass dies besonders in Deutschland bei manchen aus einem Schuldkomplex hervorgeht.

    Bei deutschsprachigen pro – Israel Blogs muss man immer aufpassen: Fast alle von ihnen werden von radikalen Freikirchlern betrieben, die da jeden Moslem hassen, wie die Pest, aber auch letztendlich gegen orthodoxe Juden sind. Die Orthodoxie ist des Freikirchler schlimmster Feind, denn orthodoxe Juden lassen sich kaum fuer evangelikale Zwecke missionieren.

    In Deinem Fall kann es genauso sein, dass ein Christ, wenn er denn ueber Israel schreibt, sich mit einer falschen jued. Identitaet mehr Leser erwartet. Deswegen finde ich es gut, was Lila von Rungholt macht: Sie ist wenigstens ehrlich !

  3. Das ist richtig, liebe Miriam.
    Habe Lila jahrelang gelesen. Mit großem Gewinn. Leider macht sie derzeit Pause, eine lange Pause,zu lange. 😦

    Aber Die Siedlerin ist auch nicht schlecht. Gibt sehr viele Einblicke und stellt Vieles richtig.

    Herzlich, Paul

  4. B“H

    Das Problem ist halt, dass jeder gross gegen Siedlungen herumredet, doch frag mal nach, wer denn tatsaechlich schon einmal dort war ? 99% haben keine wirkliche Ahnung, was eine Siedlung ist und noch weniger kennen sie die Menschen geschweige denn die Lebensbedingungen. Auch sind nicht alle Siedlungen religioes, sondern saekuler.

  5. Hallo, Miriam,

    entschuldige, ich habe eine Frage zum orthodoxen Judentum, die zwar nicht in diesen Thread passt, aber ich hoffe, du beantwortest sie trotzdem. 🙂

    Stimmt es, dass es Frauen im orthodoxen Judentum (sowohl bei den Nationalreligiösen als auch bei den Charedim) nicht erlaubt ist, in Gegenwart von Männern zu singen? Falls ja – gibt es hier Ausnahmen? Z. B., wenn ein religiöser Mann sich eine CD anhören will – dabei befindet sich die Sängerin ja nicht im selben Raum wie er…? Und wie sieht es mit Tanz aus? Dürfen Frauen vor Männern tanzen (zumindest in religiös korrekter Kleidung)?

  6. B“H

    Ja, das stimmt !

    Die genaue Quelle muesste ich erst suchen, aber es stimmt, was Du sagst. Bei frommen Juden singen Frauen nicht, es sei denn, es handelt sich um Familienmitglieder. Sprich, Ehefrau, Mutter oder Toechter.

    Ausserhalb der eigenen Familie singen Frauen nicht, denn die Stimme einer Frau koennte den Mann theoretisch zu „schmutzigen“ Gedanken verleiten.

    Prinzipiell hoeren relig. Maenner keine CDs weiblicher Bands oder Saengerinnen.

    Beim Tanz schaut es so aus, dass bei Gelegenheiten wie Hochzeit oder so alles getrennt tanzt. Wer, z.B., zu einer relig. ausgerichteten Hochzeit erscheint, wird eine Mechitzah (Trennwand) vorfinden. Die Maenner befinden sich auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen. Wird getantz, so tanzen hier die Frauen unter sich und dort die Maenner.

    In ganz strengen chassidischen Kreisen werden Hochzeitsgesellschaften sogar in getrennten aneinander liegenden Rauemen gehalten.

    Das klingt jetzt vielleicht seltsam oder doof, ist aber alles Gewoehnungssache. Ich sitze auch lieber an einem gemischten Tisch, aber wenn es denn nun mal sein muss. 🙂 Sitze ich eben nur mit Frauen, obwohl mir das zu langweilig und zickig ist.

  7. B“H

    Eine definitive Antwort gibt es im Judentum kaum einmal, denn immer wieder klaffen rabbinische Meinungen und Auslegungen auseinander. Grundsaetzlich ist es einem Mann verboten, Frauen singen zu hoeren. In orthodoxen Kreisen halten sich Frauen gewoehnlich daran, ausser Juden, die dem einstigen Hippie Rabbi Shlomo Carlebach folgen oder sonst irgendwie super super modern sind.

    So oft findet man sich eh nicht in dieser Situation wieder. Weder als Frau noch als Mann. In den meisten Faellen geht es um das Birkat HaMazon (der Segen nach einer Mahlzeit mit Brot). Das Birkat HaMazon ist ein sehr langes Gebet und wenn mehrere Leute zusammen essen, wird hinterher auch gemeinsam das Birkat HaMazon gebetet. In solchen Faellen kommt es haeufig vor, dass das Birkat HaMazon gesungen wird, denn es existiert hierfuer eine bestimmte Melodie.

    In sehr frommen Kreisen halten sich die Frauen diesbezueglich zurueck und beten das Birkat HaMazon zwar zusammen mit den Maennern, sagen es jedoch leise, anstatt laut mitzusingen.

    Bei Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten kommt es nicht zum Gesang von Frauen, denn es singt eine eigens engagierte Band.

    Es muss so circa zwei Jahre her sein, da war ich bei einem Schabbatessen beim Jerusalemer Rabbi Mordechai Machlis. Rabbi Machlis ist der einzige Rabbiner, der Nichtjuden am Schabbat verkoestigt und so war auch eine Gruppe junger deutscher Touristen anwesend. Eine junge Frau stand auf und wollte einen Psalm singen, was Rabbi Machlis nicht zuliess.

    Zuerst einmal, weil sich eine Frau nicht hinstellt und bei einer orhtodoxen Schabbatfeier anfangen will, laut zu singen. Darueber hinaus wollte sie auch noch auf Deutsch singen, was eh niemand verstanden haette.

    Obwohl Juden wie Rabbi Machlis eher moderner eingestellt sind, werden dennoch keine singenden Frauen zugelassen. Unter anderem auch, weil andere relig. Gaeste anwesend waren und der Rabbi diese nicht mit einer lauten Frauenstimme konfrontieren will.

    Jetzt bin ich voll ausgeschweift, aber ich habe einen sehr interessanten englischsprachigen Link zu dem Thema gefunden:

    http://koltorah.org/ravj/The%20Parameters%20of%20Kol%20Isha.htm

    Hier werden die unterschiedlichen rabbinischen Meinungen aufgelistet und erklaert.

    Im Prinzip entscheiden die Haushalte fuer sich, was und wie sie genau etwas machen. Normalerweise ist das Singen von Frauen nur im engsten Familienkreis zulaessig. Enkelinnen ? Ja, wahrscheinlich. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Alter von etwa neun Jahren. Die Schwester der Frau oder des Mannes ? Definitiv nicht.

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