Talmud/Tisha be'Av

Talmud Gittin 55b – 56a: „Kamtza und Bar Kamtza“

B“H
Morgen (Samstag) Abend beginnt der Tisha Be‘ Av (9. des Monats Av), der Tag beider Tempelzerstörungen. Der Tisha be’Av endet am Sonntagabend (26. Juli).
Wie in jedem Jahr stelle ich die nachfolgende talmudische Lehre aus dem Traktat Gittin 55b – 56a in den Blog. Es handelt sich dabei um die berühmte Gemara, in der von zwei Personen die Rede ist: von Kamtza und von Bar Kamtza. Die Gemara in Gittin 55b sieht das Geschehen und vor allem den tragischen Ausgang als einen der Gründe, warum der Zweite Tempel zerstört wurde. Irgendwo las ich dieser Tage, dass beide Tempel aufgrund von „Sinat Chinam – Gegenseitigem Hass“ zerstört wurden. Diese Behauptung ist falsch, denn nur der Zweite Tempel wurde aufgrunddessen zerstört.
Link: In Bezug auf die Zerstörung des Ersten Tempels nennt uns der Talmud Yoma wesentlich andere Gründe. Unter anderem, Götzendienst.
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Es war einmal ein Mann, der hatte einen Freund namens Kamtza und einen Feind namens Bar Kamtza. Eines Tages entschloß sich der Mann, zu einem großen Bankett einzuladen und schickte einen Bediensteten aus, um Einladungen zu verteilen. Er sagte zum Bediensteten, dass er zu Kamtza gehen und ihn einladen solle. Doch der Bedienstete ging aus Versehen zu Bar Kamtza (dem Feind).
Pünktlich zum Bankett traf Bar Kamtza ein und setzte sich an einen der Tische. Den Hausherrn traf fast der Schlag als er seinen Feind dort sitzen sah. Er ging auf Bar Kamtza zu und sagte ihm, dass er gefälligst verschwinden soll. Bar Kamtza jedoch fürchtete die Scham vor allen Leuten hinausgeworfen zu werden und sagte zu dem Mann, dass er bleiben und die Rechnung für sein Essen und Trinken selbst bezahlen wolle. Der Hausherr ließ sich jedoch nicht umstimmen. Bar Kamtza bot ihm an, für das gesamte Bankett zu zahlen, wenn er bleiben könne, doch der Hausherr war so wütend, dass er ihn ergriff und eigenhändig hinauswarf. Vor den Augen aller.
Draußen sagte Bar Kamtza zu sich selbst, dass alle dort sitzenden Rabbis den Rausschmiß widerstandslos hingenommen hatten. Niemand von ihnen hatte eingegriffen und so kam Bar Kamtza zu dem Schluß, dass die Rabbis seinen Rausschmiß als selbstverständlich ansahen. Aus Rache ging Bar Kamtza zum Palast des römischen Stadthalter (es ist unklar, ob es der römische Kaiser oder ein Stadthalter war) und sagte ihm, dass die Juden gegen Rom rebellieren. Zum Beweis dafür schlug Bar Kamtza dem römischen Stadthalter vor, dass er ein Tier zur Opferung in den Tempel schicken solle und er werde ja sehen, ob die Juden es zur Opferung annehmen oder nicht. Der Stadthalter sandte ein Kalb, welches Bar Kamtza überbringen sollte. Doch auf dem Weg verletzte Bar Kamtza die obere Lippe des Kalbes oder entsprechend anderer Meinungen rief er einen Defekt im Auge des Tieres hervor. Aufgrund dieser körperlichen Schaeden konnte das Kalb nicht geopfert werden, da nur einwandfreie Tiere dafür bestimmt sind. Zuerst zogen die Rabbi tatsächlich in Erwägung, dass nicht einwandfreie Tier zu opfern, um keinen Streit mit den Römern hervorzurufen. Letztendlich wurde beschlossen, das Tier nicht zu opfern.
Der talmudische Kommentator Maharsha sagt dazu, dass der Stadthalter vielleicht nachgegeben hätte, wenn die Rabbis sein Kalb dennoch geopfert hätten. Als sein Opfer verweigert worden war, entschloß er sich zur Tempelzerstörung. Der Maharam Shif kommentiert, dass G – tt die Tempelzerstörung schon beschlossen hatte und der Vorfall mit Bar Kamtza nur noch der Auslöser war. Der Maharsha sieht die Schuld bei Bar Kamtza, da es verboten ist, durch Haß Zerstörung hervorzurufen. Nicht jeder, der ungerecht behandelt worden ist, sollte mit der Keule um sich schwingen und auf Rache sinnen.

 

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Die Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer (70 nach Beginn der Zeitrechnung)
Photo: Temple Institute Jerusalem
Wir finden in dieser Gemara drei Menschen, die nur aus Hass handeln und dabei zerstörerisch vorgehen. Zuerst der Mann, der Bar Kamtza hinauswarf. Die nichtreagierenden Rabbis werden vom Maharsha als zu machtlos gegenüber dem mächtigen Gastgeber gesehen. Bar Kamtza wurde daraufhin so vom Haß befallen, sodass er wild drauflos rannte und die Folgen nicht mehr abschätzen konnte. Er verstieß gegen jegliche talmudischen Gesetze. Erstens rannte er zu den römischen Besatzerbehörden und hetzte gegen seine jüdischen Brüder, was ihm schon allein hätte das Todesurteil einbringen können (siehe Talmud Sanhedrin 73a), und zweitens machte er mit Absicht das Kalb für eine Opferung unbrauchbar, was verboten ist (Talmud Bechorot 33b).
Wie ich schon mehrmals erwähnte haben wir im Judentum das Konzept des „Freien Willens“. Jeder Mensch entscheidet selbst über seine Handlungen und muß hinterher die Konsequenzen tragen. Wie ich ebenso schon einige Male erwähnte, sieht der Ishbitzer Rebbe (Rabbi Mordechai Yosef Leiner) den „Freien Willen“ als eine einzige Illusion an. Es gebe ihn nicht und all unser Tun ist von G – tt vorbestimmt. Wir haben darauf keinen Einfluß. Laut dem Talmud besitzen wir den „Freien Willen“, doch nur insoweit, dass es in unserer Hand liegt, ob wir g – ttesfürchtige Menschen werden oder nicht.
Man könnte meinen, dass die Handlungen der hier involvierten Personen die Tempelzerstörung ausgelöst haben. Andererseits stimme ich mit dem Maharam Shif überein, der sagt, dass die Zerstörung schon längst von G – tt beschlossen war. Wie also hätten die Agitatoren anders reagieren können und trifft sie überhaupt eine Schuld ?
Wir Menschen haben immer wieder die Kraft, bestimmte G – ttesurteile zum Guten zu ändern. In der Chassidut wird der Zaddik (der Gerechte) als derjenige betrachtet, der zu solchen Dingen fähig ist. Mit Gebet und Teshuva (Umkehr) können wir Welten versetzen. Die Antwort könnte lauten, dass wenn die hier aufgeführten Personen anders gehandelt haetten und wenn die Juden überhaupt auf die Warnungen der Propheten gehört und sich zur Umkehr aufgerafft hätten, die Tempelzerstörung vielleicht vermeidbar gewesen wäre. Vielleicht aber war es auch unvermeidbar, denn laut unserer jüd. Tradition kommt der Meschiach und baut den Dritten Tempel, und somit kann es auf Dauer keinen Zweiten Tempel geben.
Heutzutage sollen wir aus dem Fehlverhalten lernen, aber gleichzeitig unseren Blick in die Zukunft auf den Dritten Tempel richten.
Besuch auf dem Tempelberg
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2 Kommentare zu “Talmud Gittin 55b – 56a: „Kamtza und Bar Kamtza“

  1. Liebe Miriam,
    als Katholik halte ich mich hier zuden von Dir aufgezeigten Religionsfragen zurück. Manche verstehe ich auch nicht. Andere lese ich mit Gewinn und stelle fest, dass mir manches nicht fremd ist.

    Zum Freien Willen habe ich bei uns auch schon gehört, dass sich dies nur auf die Entscheidung für oder gegen IHN bezieht. Die Schlussfolgerung: lle, die sich für IHN entschieden haben, kommen in den Himmel, mögen sie auch noch so große Verbrecher gewesen sein. Ein Geistlicher sagte mir: „Wer weiß, vielleicht ist Hitler im Himmel. Wer weiß das schon?“ Damit habe ich Probleme.

    Folgt man dieser Auffassung über den Freien Willen nicht und sieht den Freien Willen als eine generelle Handlungsmöglichkeit, bedeutet das, Jeder ist „seines Glückes Schmied“.

    Die andere Annahme könnte zu einer Lethargie führen. Zu einer ergebenen Unterordnung unter Gottes Willen*. Es war also der Wille des HERRN, das die Juden im 3.Reich die Shoa erleiden mussten?
    Es fällt mir schwer, dies anzunehmen.
    Völlig unakzeptabel würde ich dieses Verhalten in der jetzigen Situation in Israel halten.

    Wie denkst Du darüber?

    Herzlich, Paul

    *Bei unvorhergesehenen, nicht persönlich verursachten Schicksalsschlägen, z.B. Kranheit und Tod, bin ich bereit diese als vom HERRN gewollt anzunehmen. Dazu erbitte ich SEINE Kraft und Stärke. Da möchte ich sein wie Hiob.

  2. B“H

    Ich hoerte einmal Rabbi Tuvia Siner sagen, dass ein hoher Nazi, ich glaube es war Eichmann, sich vor seiner Hinrichtung zum Christentum bekannte und der Priester ihm daraufhin alle Suenden vergab.

    Dies waere im Judentum unmoeglich, denn ein Massenmoerder duerfte wohl kaum mehr in den Himmel kommen, selbst wenn er bereut. Zwar gilt Teschuva (Umkehr zu G – tt) im Judentum als etwas extrem Wichtiges und jeder Mensch sollte noch eine Chance erhalten. Adam und Eva bereuten auch nachdem sie aus dem Paradies geflogen waren und G – tt vergab ihnen.

    Bei einem Massenmoerder jedoch duerfte das nicht mehr so einfach ablaufen und der Rambam (Maimonides) schreibt in seiner Mischna Thora, dass es Situationen gibt, in denen G – tt die Reue ablehnt. Somit sehe ich Hitler und Konsorten nicht im Himmel. 🙂

    Um den Freien Willen ranken sich alle moeglichen Definitionen. Haben wir ihn nun oder doch nicht ? Ehrlich gesagt, wirst Du keine definitive Antwort erhalten, denn die kennt nur G – tt allein.

    Zur Schoah:

    Es stoert mich total, wenn vor allem Haredim (ultra – orthodoxe Juden) immer wieder die Meinung verbreiten, G – tt habe die Schoah verursacht, weil sich die Juden in Deutschland assimiliert hatten bzw. sich zu wohl in der Diaspora fuehlten. Es gibt durchaus solche Ansichten. Leider, muss ich sagen, denn auch hier kennt nur G – tt die Antwort.

    Der Satmarer Rebbe Yoel Teiltelbaum schreib seinerzeit, dass der Zionismus Schuld am Holocaust sei. Eine Meinung, die bei vielen Haredim nach wie vor gilt. Auch bei Chabad – Lubawitsch. Wobei Chabad sich immer recht freundlich gibt und dies nicht unbedingt nach aussen hin zugibt.

    Jetzt koennte ganz klar jeder Neonazi oder Stammtischdeutsche daherkommen und sagen: „Hey, die Juden sind ja selber Schuld am Holocaust !“

    Darin steckt natuerlich die Gefahr, eine derartige Meinung zuzugeben, denn jeder Aussenstehende kann sonstwas interpretieren.

    Warum es den Holocaust gab, weiss kein Mensch, sondern nur G – tt. Ich vertrete die Ansicht „der Zionismus oder die Assimilation“ seien Schuld, absolut nicht und koennte jedesmal ausrasten, wenn ich das wieder irgendwo hoere.

    Unter dem Freien Willen versteht man sonst all das, was mit dem eigenen Leben zu tun hat. Naemlich, ob man sich G – tt naehert oder nicht, welchen Beruf man erlernt, wo man lebt, wohin man in den Urlaub faehrt, wen man heiratet und ueberhaupt all diese kleinen persoenlichen Entscheidungen. Hat man nun wirklich den freien Willen diesen und jenen Beruf zu erlernen oder ist alles vorbestimmt, ohne das wir es merken ?

    Jedenfalls denken wir, dass wir machen koennen, was wir wollen. Andererseits weiss niemand, ob wir tatsaechlich diese Freiheit besitzen. 🙂

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