Aliyah/Israel/Kotzk/Schabbatzeiten/Thora Parasha

Parashat SHLACH – פרשת שלח

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Photo: Miriam Woelke

 

B“H
An diesem Schabbat lesen wir in den Synagogen den Thoraabschnitt (Parasha) SHLACH. Insbesondere geht es um die Spione, die Moshe nach Israel aussandte, um das Land zu erkunden. Nach 40 Tagen kehrten die Spione zurück und stachelten die Juden mit ihren negativen Bemerkungen über Israel auf. Die Juden waren entsetzt und wollten plötzlich nicht mehr dorthin. Es heisst, dass der Tag, an dem die Spione die Juden mit ihren Bemerkungen aufstachelten, der 9. Tag im Monat Av (Tisha be’Av) war. G – tt sagte: „Ihr glaubt, dass dieser Tag ein Katastrophentag ist ? Ich werde Euch zeigen, wie eine richtige Katastrophe ausschaut !“ Somit wurde der Tisha be’Av zum Tag, an welchem beide Jerusalemer Tempel zerstört wurden und bis heute stellt dieser Tag im Judentum einen Trauertag dar, an dem 25 Stunden lang gefastet wird.
Der Schabbat dieser Woche beginnt morgen (Freitag) Abend um 19.10 Uhr und endet am Samstagabend um 20.28 Uhr. Laut Rabbeinu Tam endet der Schabbat um 21.03 Uhr. Dieser Schabbat ist SCHABBAT MEVARCHIN, da wir den Mitte der kommenden Woche beginnenden jüdischen Monat TAMMUZ segnen.
Es war nicht so, dass die Spione Lügen über das Land Israel (zu der Zeit noch Canaan) verbreiteten. Im Grunde berichteten sie, was sie gesehen hatten, zogen dabei jedoch alles in Negative. Der Kotzker Rebbe kommentiert, dass die Spione sich selbst als klein und unbedeutend betrachteten. Gleichzeitig machten sie sich Sorgen, was denn die anderen Nationen (welche da Canaan besiedelten) von ihnen hielten. Anstatt auf G – tt zu vertrauen, der das Land Israel für die Juden bestimmt hatte und der sie zudem aus Ägypten führte, wurde sofort nach dem Bericht der Spione gejammert und geklagt.
Was damals schon stattfand, nämlich sich selbst als unbedeutend und zu schwach anzusehen, findet bis auf den heutigen Tag statt. Es hat sich nicht viel verändert und das jüdische Volk sieht sich immer noch als unbedeutend und man ist darauf bedacht, vor der Welt, egal wie, gut dazustehen. Niemand macht sich soviel Sorgen um die Meinung der Welt wie Israel. Dabei kann uns die Welt doch egal sein, denn die wird nie auf unserer Seite stehen.
Aber es ist nicht nur die Welt, die sich gegen Israel stellt. Allzu viele Juden sehen Israel mit denselben Augen wie es die damaligen Spione unter Moshe taten. Da ist ein relativ blühendes Land, in dem es sich eigentlich gut leben läßt, ABER …
Und dann folgt gewöhnlich eine lange Liste mit negativem Inhalt:
Ich als Jude lebe nicht in Israel, weil
es eine hohe Arbeitslosigkeit gibt,
alles zu teuer ist,
ich mich nicht ernähren kann,
keine bezahlbare Wohnung finde,
ggf. auf der Straße leben muss,
am Existenzminimum kratze,
ich die Sprache nicht verstehe,
ich die Mentalität hasse,
das Land in ständiger Bedrohung lebt,
und
und
und.
Als Jude den Staat Israel aus der fernen Diaspora unterstützen und Shows abziehen wie Israeltag etc. – Ja, klar. Dort wohnen – Nein, denn in der Diaspora geht es mir besser. Ist das nicht genau dasselbe, was die Spione bezweckten und weswegen die aufrührerischen Israeliten in der Wüste starben und erst die kommenden Generationen in das Land Israel einzogen ? Müssen nun folglich alle Diasporajuden bestraft werden, denn sie ziehen den bequemen Weg vor, anstatt G – ttes Willen zu folgen ?
In diesem Monat feiere ich mein 15. Aliyah – Jubiläum. Vor 15 Jahren wanderte ich nach Israel ein. Vorher hatte ich bereits mehr als drei Jahre im Land gelebt und wusste bei meiner Einwanderung genauestens, was mich erwartet. In materiellem Sinne kein Land, in dem Milch und Honig fliesst. Zum Glück war ich der Sprache mächtig, mit der Mentalität vertraut und hatte Freunde in Jerusalem.
Wer als Jude nach Israel auswandert, den erwartet gewiss kein Zuckerschlecken, es sei denn, man kommt mit ein paar Millionen Dollar im Gepäck. Aber auch die sind bei den hiesigen Preisen schnell aufgebraucht und dann beginnt der Ernst des israelischen Alltags. Arbeiten, wenn nötig im Niedriglohnsektor. Bedeutet, gesetzlicher Mindestlohn. Die Wohnung mag nicht so super sein und man ist gezwungen, sich einzuschränken. So manch einer beginnt da das Jammern, anstatt zufrieden zu sein, überhaupt einen Job und ein Dach über dem Kopf zu haben. Es gibt genug Leute, die all das nicht haben und oft zufriedener sind als jene, die eigentlich alles haben, aber des Jammerns nie müde werden.
In Israel gibt man sich als Neueinwanderer mit kleinen Schritten zufrieden und wer sich benachteiligt fühlt, kann jederzeit in sein vorheriges Land zurückkehren, wenn er meint, dort besser dran zu sein. Viele jüdische Neueinwanderer tun dies und kehren Israel nach kurzer Zeit den Rücken. Andere bleiben, weil sie sich einen Umzug nicht leisten können und diese Leute sind total genervt und dreschen mit negativen Phrasen nur so um sich.
Die dritte Gruppe bleibt. Hierzu gehöre ich.
Es versteht sich von selbst, dass nicht alles einfach ist. Gute Jobs sind selten und um zu überleben, wird fast jeder Job angenommen. Trotzdem sollte man nicht alles negativ sehen. Immerhin leben wir in einem jüdischen Staat und allein das hat seine Vorteile. Um es kurz zusammenzufassen: Wir brauchen uns vor niemandem rechtfertigen und jüdische Feiertage werden gelebt. Koscheres Essen ist massenhaft vorhanden und man hat jüdische Freunde und braucht sich kein WIE und WARUM von Nichtjuden anhören.
In die Mentalität kann sich eingelebt werden, wenn man denn bereit ist, sich auf Neues einzulassen und nicht ständig jammert „in Deutschland ist das aber so und so“. Das will keiner hören und oft ist nicht nur der Neueinwanderer genervt, sondern der israelische Zuhörer gleichermaßen. Jeder Israeli hat seine persönliche Story, aber deswegen muss man noch lange mit ihr hausieren gehen. Man lebt sich ein und ist irgendwann Teil der Masse.
Einserseits verstehe ich es vollkommen, wenn viele Diasporajuden nicht nach Israel ziehen wollen. Andererseits kann jeder den Mut aufbringen, ins Land zu ziehen. Es ist auch immer eine Sache der Einstellung. Wer unbedingt will, wird es auch realisieren und nimmt in Kauf, dass einem in Israel nichts geschenkt wird.
Die gesamten 15 Jahre war ich kein einziges Mal im Ausland. Nicht, weil ich es mir nicht leisten kann, sondern weil ich einfach keine Lust verspürte zu reisen. Habe ich deswegen etwas verpasst ? Ich meine NEIN. Warum auch ? Ich fühle mich hierzulande sehr wohl, auch wenn es nicht immer einfach ist. Vielleicht hilft mir dabei auch meine nicht gerade materielle Lebenseinstellung. Ein Dach über dem Kopf, etwas zu Essen und ein Bett sind mir genug. Mein Mountain Bike ist für mich bereits Luxus. Genauso wie mein Balkon mit der super Aussicht. Meine Wohnung ist eher spartanisch eingerichtet: Mit normaler Küchenanrichte, Kühlschrank, Bett, Tische, Stühle, Sessel und Regale. Mehr brauche ich nicht und vermisse nichts. Okay, ich habe eine Mikrowelle, doch die ist vom Vormieter abgekauft. Für sehr wenig Geld und weil er zu meinem Freundeskreis gehört. Jetzt steht die Mikrowelle herum, denn benutzen tue ich sie eher selten.
Ob ein Jude nach Israel zieht oder nicht, ist seine Sache. Was er dagegen nicht tun sollte ist, seinen negativen Frust auszulassen und das Land, überall wo es geht, madig zu machen. Es ist nicht leicht in Israel zu wohnen, trotzdem geniessen wir hier eine Menge Vorteile, von denen Diasporajuden nur träumen.
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2 Kommentare zu “Parashat SHLACH – פרשת שלח

  1. Liebe Miriam,
    ich finde Deine Lebenseinstellung bemerkenswert. Sie lässt sich durchaus verallgemeinern. Nicht nur von Juden, die nach Israel kommen kann sie beherzigt werden. Sie gilt auch für Deutsche, die in Deutschland bleiben. Von jedem Menschen, egal wo er lebt kann zu einer Lebensmaxime gemacht werden, die Lebenszufriedenheit geben kann.
    Nach meiner Erkenntnis kommt die Zufriedenheit aus dem Inneren, der inneren Einstellung und nicht aus den äußeren Lebensumständen. Ich habe Arme und Kranke kennen gelernt, die sehr zufrieden mit ihrem Leben waren und wohlhabende Gesunde, die nur am meckern waren.

    Mein Lebensmotto: „Sei nicht traurig über das was Du nicht machen kannst, nicht besitzt, sondern freu Dich über das was Du machen kannst und was Du besitzt. Und tu das dann auch.“
    Das habe ich mir aus zwei bekannten Sprüchen „zusammengebastelt“.

    Möge der Allmächtige Dich befähigen Deine Einstellung durch alle Schwierigkeiten, die das Leben bringen kann, zu bewahren.

    Herzlich, Paul

  2. B“H

    Leider meinen immer noch viel zu viele Leute, woanders seien sie gluecklicher als daheim. Wenn ich mit meinem Leben nicht klarkomme, hilft auch haeufig kein Ortswechsel (ins Ausland), denn seine Probleme nimmt man mit. Egal, wohin.

    In den USA kann man sich als Neueinwanderer sicher schneller hocharbeiten als in Israel, denn hier ist alles festgefahren und weitgehend von im Land Geborenen besetzt. Aber es geht mir nicht um die grosse Karriere, sondern, wie Du sagtest, um Zufriedenheit. Und das bedeutet fuer mich nicht auf Luxus zu schielen. 🙂

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