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Rabbi Yehudah HaNasi, der Zweite Tempel und die Zeit der Römer

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Photo: Miriam Woelke

B“H
Momentan lese ich eine von Aharon Oppenheimer verfasste Biographie über den berühmten talmudischen Rabbiner Yehudah HaNasi.
Absichtlich gebe ich an dieser Stelle nicht den Link zu Wikipedia, denn dort werden ein paar Infos aufgelistet, die etwas fragwürdig erscheinen. Rabbi Yehuda HaNasis Geburts – und Sterbedatum zu bestimmen, ist kaum möglich, denn es bestehen lediglich ungenaue Angaben. Die Zeitspanne seines Lebens ist nur in vager Form zu bestimmen.
Ebenso wenig ist es wörtlich zu verstehen, dass Rabbi Yehudah genau dann bzw. an dem Tag geboren wurde, an welchem Rabbi Akivah starb (siehe Talmud Kiddushin 72). Dieses Statement ist nicht unbedingt wortwörtlich zu verstehen, sondern eher so, dass Rabbi Yehudah ungefähr zu der Zeit geboren wurde als Rabbi Akivah starb.
Bis heute ist Rabbi Yehudah HaNasi deswegen so wichtig, weil er die Mischna (mündliche Überlieferung vom Berg Sinai) in bestimmter Form ordnete und niederschrieb. Er war nicht der erste Rabbiner, der diesen Plan durchsetzen wollte, denn mehrere führende Rabbiner begannen nach der Zerstörung des Zweiten Tempels die jüdische Gesetzgebung zu ordnen und ggf. niederzuschreiben. Dieses war erforderlich geworden, da diverse Gesetze aufgrund des nicht vorhandenen Tempels nicht ausgeführt werden konnten. Damit dem Judentum nichts verloren geht und nachfolgende Generationen wissen, worum es geht und wie etwas ausgeführt wird, mussten spezifische Details niedergeschrieben werden. Unter anderem auch die Festlegung des jüdischen Kalenders. Rabbi Yehudah legte den endgültigen Entwurf der Mischna als Teil des Talmud fest.
Wer der hebräischen Sprache mächtig ist, sollte vielleicht die Rabbi Yehudah HaNasi – Biographie des Tel Aviv University Professor Aharon Oppenheimer lesen. Hier kann viel Historisches gelernt werden und die entsprechenden Stellen werden aus dem Talmud zitiert. Mehr als die Hälfte des Buches habe ich bereits durchgelesen und eine Menge gelernt. Darunter auch, dass es offenbar Christen gibt, welche die Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer als G – ttesstrafe gegen die Juden auslegen. Diese Theorie stimmt in bedingtem Maße, doch ganz gewiss nicht aus dem Grund, weil Juden den falschen Messias J. ablehnen.
G – tt gab den Römern die Macht, den Zweiten Tempel zu zerstören und hierfür lagen, wie der Talmud lehrt, ganz andere Gründe vor. Zuallererst müssen wir uns klarmachen, dass zwischen dem Ersten und dem Zweiten Tempel gravierende Unterschiede bestanden. Zweitens kann ein Meschiach nicht kommen und den Dritten Tempel bauen, wenn der Zweite Tempel noch steht. Dies wäre vollkommen unlogisch. Ein wesentliches Prinzip im Judentum lautet, dass der Meschiach den Dritten Tempel baut und Cohanim sowie Levi’im ihren Dienst wieder aufnehmen.
Laut christlicher Ansicht, wurden die Juden von G – tt bestraft, weil sie J. nicht anerkannten. Die Folge war eine weitere Diaspora.
Diese Behauptung ist historisch betrachtet völlig falsch, wie Aharon Oppenheimer berichtet. In all den Jahren, in denen der Zweite Tempel tatsächlich stand waren die Juden nur ganz wenige Jahre wirklich frei und unabhängig. Dies war zur Zeit der Makkabäer. Vorher jedoch war Israel von den Persern und Hellenisten besetzt. Später kamen die Römer. Demzufolge war eine gewisse Art der Diaspora schon viele Jahre lang im Gange.
Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels verliessen die Juden nicht fluchtartig das Land. Ganz im Gegenteil, man blieb. Jerusalem wurde ihnen verboten und so liessen sie sich andernorts in Israel nieder. Insbesondere in Yavne.
Vor der Tempelzerstörung, jedoch nicht wegen ihr, zogen dennoch viele Juden ins benachbarte Ausland. Dies geschah in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen heraus, denn es wurde sich eine bessere Zukunft an einem anderen Ort versprochen. Aharon Oppenheimer vergleicht die Auswanderung mit jenen Europäern, die vor mehr als 100 Jahren in die USA zogen, um dort ihr Glück zu finden.
In der Zeit des Rabbi Yehudah HaNasi (ca. 175 – 220 nach Beginn der Zeitrechnung) blühte das Land Israel förmlich auf. Rabbi Yehudah verstand sich blendend mit der römischen Besatzungsmacht und die wiederum vertraute ihm. Es war eine Zeit des Friedens und wirtschaftlich ging es aufwärts. Es war eine durchaus positive Zeit für das Judentum bis im 7. Jahrhundert die Moslems Israel besetzten.
Seinerzeit wollte Rabbi Yehudah sogar den Fastentag Tisha be’Av (Fastentag am 9. Tag im jüd. Monat Av) abschaffen, denn offenbar sah er das Gedenken an die Tempelzerstörung als weniger relevant (siehe Talmud Megillah 5). Immerhin ging es den Juden gut und die Römer liessen die Bevölkerung weitgehend in Ruhe.
Letztendlich wurde der Tisha be’Av nicht abgeschafft, sondern bleibt bis heute bestehen. In diesem Jahr fällt der 9. Av auf den 26. Juli.
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