Pessach/Psychologie/Rosh Hashana

Einsamkeit an hohen Feiertagen

B“H
Die Thematik, die ich hier anspreche, beziehe ich auf Israel, denn dort kenne ich mich diesbezüglich am besten aus.
Insbesondere vor Pessach und Rosh Hashana werden viele Juden in Israel nervös, wenn sie immer noch auf eine Einladung an den Feiertagen hoffen. In der säkuleren Welt Israels geht es Wochen vor den hohen Feiertagen schon los und sogar die Presse trichtert einem ein, dass man den ersten Abend des Rosh Hashana oder die Pessach Seder entweder groß feiere, ins Ausland fliegt oder sich zumindest in ein heimisches Hotel begibt, um dort zu feiern. Alles nervt mit der Frage „Wo und mit wem man denn den Feiertag verbringe“ und gerade das verursacht bei vielen Menschen Stresssituationen, denn sie wissen nicht, wo sie den Feiertag verbringen werden. Sie haben keinerlei Antwort parat, denn irgendwie stehen sie allein da und warten nach wie vor auf eine Einladung, die vielleicht niemals kommt. So ist es kein großes Wunder, dass gerade an diesen beiden o.g. Feiertagen die Selbstmordrate im Land am höchsten liegt. Wer allein zuhause sitzt, und das zur Zeit der Pessach – Seder oder des ersten abends von Rosh Hashana, dem wird bewusst, wie einsam er eigentlich ist.
Vorgestern sprach ich mit jemandem und ich kann gar nicht mehr sagen, wie wir auf das Thema zu sprechen kamen. Jedenfalls meinte derjenige plötzlich: „Siehst Du all die Leute hier ? Die Familie dort drüben mit den drei Kindern ? Das sind alles Leute, die keiner an Rosh Hashana haben wollte und deswegen sind sie in Tel Aviv“.
Mir war sofort klar, dass derjenige zu 100% Recht hatte. Eine sehr traurige Tatsache.

 

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Sagen wir, jemand ist Neueinwanderer und besitzt keinerlei Familie in Israel; wo soll derjenige die Pessach Seder oder den ersten Abend von Rosh Hashana verbringen ? Niemand lädt ihn ein und insgeheim sieht er sich schon allein daheim sitzen während andere bei ihrer Familie feiern. Doch geht es nicht nur vielen Neueinwanderern so, denn unzählige Israelis befinden sich in derselben Situation. Egal, ob Single oder verheiratet mit Frau und Kindern.
Schon immer hatte ich die Eigenschaft, etwas allein auf die Beine zu stellen, anstatt mich groß auf andere zu verlassen. Andere Leute wiederum suchen immer nur eine Familie, bei der sie an den Feiertagen hocken wollen, anstatt Eigeninitiative zu entwickeln. Derlei Leute sind in meinen Augen total verzweifelt. Nicht „verzweifelt“ in dem Sinne, doch können sie einfach nichts, außer, auf Teufel komm raus, bei einer Familie zu sitzen. Selbst dann, wenn man die Familienmitglieder im Grunde genommen kaum kennt.
Insbesondere Yeshiva (relig. Schule) Studenten suchen jedesmal wieder einen Platz bei einer Familie, wo sie sitzen, am Festmahl teilnehmen und ein Feiertags – Feeling aufkommt (oder auch nicht). Durch all die Phasen bin ich auch gegangen und habe zweierlei Dinge gelernt. Erstens wollen viele Familien gar keine Gäste und sind genervt. Eine ehemalige Freundin berichtete mir einmal, dass ihre Yeshiva sie zu einer Familie sandte. Zum Schabbatessen, glaube ich. Besagte Familie hatte nur widerwillig zugestimmt und liess dann auch eine Art Unmut beim gemeinsamen Essen mit dem Gast aus.
Als Zweites lernte ich, dass ab einem gewissen Alter erwartet wird, dass derjenige selbst seine Feiern arrangiert und nicht immer bei anderen hockt. Etwas Eigenes daheim bei sich organisieren als vorher am Telefon sämtliche Bekannte abzuklappern, nur, um eventuell eine Einladung zu erhalten. An diesem Rosh Hashana, setzte ich das in die Tat um und organisierte mit ein paar Freunden eine kleine Feier. Unsere eigene Feier mit eigenem Essen, ohne dass wir von jemandem abhängig waren. Ich muss sagen, dass es mein bestes Rosh Hashana war, das ich jemals feierte. Ungezwungen, ohne Etikette und einfach nur so mit Freunden.
Meine persönliche Meinung zu jenen Juden, die immer nur auf Einladungen bei Familien hoffen, ist, dass dies ein recht armselige Art ist, den Schabbat oder den Feiertag zu begehen. Es zeigt, wie einsam der Mensch ist und ich begreife nicht, warum kaum jemand von ihnen eine Eigeninitiative entwickelt und selbst etwas auf die Beine stellt.
Lebe Dein eigenes Leben und organisiere selbst Deinen Feiertag ! Egal, mit wie viel oder wenig Geld, aber mache Dich nicht ewig abhängig vom Wohlwollen anderer. Hoffst Du immer noch auf eine Einladung, fehlt es Dir an Selbstbewusst sein und es zeigt, wie einsam Du bist. Und das allein ist ein trauriger Zustand, den es gilt zu ändern.
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2 Kommentare zu “Einsamkeit an hohen Feiertagen

  1. Liebe Miriam, da sind wir Katholiken besser dran. Bei uns kommt dieses Gefühl nur einmal im Jahr vor. An Heiligabend.
    Das betrifft aber wirklich nur Alleinstehende. Ein Ehepaar verbringt den Abend auch gerne alleine. Jedenfalls meine Frau und ich.
    Unser Pfarrer, er ist ja selbst auch ein Allleinstehender, organisiert dann was für Interessenten.

    „Pesach sameach vekascher!“
    Die besten Grüße und Wünsche für ein frohes und koscheres Pesach,
    sendet Dir ganz herzlich, Paul

  2. B“H

    Es betrifft auch viele alte Leute. Ich kenne Bwohner unserer Strasse, die Kinder und dazu massig Geld haben, aber an Pessach allein daheim hocken. Das ist schon traurig.

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