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Jüdische Frauen im Mittelalter und ihre Flucht in die Freiheit

B“H
Nicht wenige Leute sind total fasziniert von mystischen Themen aller Art. Insbesondere von kabbalistischen Themen mit Inhalten zu unserer realen Welt sowohl als auch zur metaphysischen Welt. Alles, was wir sehen, ist G – ttes offensichtliche Erschaffung, aber was ist mit jenem Part, der für uns verborgen bleibt ?
Eine Menge Leute fühlen sich von derartigen Themen magisch angezogen und allzu oft, handelt es sich dabei um Juden, die sich in ihrem Leben noch nie zuvor mit höheren jüdischen Studien befasst haben. Daher kommt es immer wieder zu Missinterpretationen, denn es fehlt ganz einfach am Wissen. Lieber geben sich die Leute überwältigt und gehen fälschlicherweise ihren eigenen Gedankengängen nach. Was ich manchmal so im Internet lese, läßt vor lauter Missinterpretationen nur noch den puren Horror aufkommen.
Wenn, z.B., jemand den Buchtitel „Dybukks and Jewish Women in social History, Mysticism and Folklore“ der Autorin Rachel Elior hört, so denkt er sofort an etwas Mystisches. Seelenwanderungen, Gespenster, Magie !
In der Realität schaut der Buchinhalt jedoch wesentlich bodenständiger aus, denn Rachel Elior befasst sich in erster Linie mit „Der Rolle der jüdischen Frau im Mittelalter“. Die Autorin fährt mit einer langen Quellenliste aus Midrasch und Talmud auf. Immer wieder geht es um die dominierende Rolle der Männer und die unterwürfige Gattin. Eine Frau hat zu heiraten, Kinder zu kriegen, den Haushalt zu führen und sonst die Klappe zu halten. Nicht nur im Judentum, denn Rachel Elior zitiert den christlichen Paulus, der die christlichen Frauen als Bedienstete des Mannes betrachtete.
Im Mittelalter gab es so gut wie keine Rechte für die Frau und die Mehrheit fügte sich den gesellschaftlichen Normen. Mädchen wurden bereits im Alter von 13 oder 14 Jahren verheiratet. Wenn sie Glück hatten, an einen gleichaltrigen Teenager und wenn sie richtig Pech hatten, an einen alten Witwer. Schutz gegen Vergewaltigung und häusliche Gewalt existierte nicht und die Frauen hatten sich zu unterzuordnen.
Rachel Elior bringt eine interessante These: Der einzige Weg, der eine junge Frau vor einer von den Eltern arrangierte Heirat bewahrte war die Behauptung, man sei von einem Dybbuk besessen. Im Judentum handelt es sich bei einem Dybbuk, kurz und oberflächlich beschrieben, um die Seele eines Toten, die, wie auch immer, in den Körper eines lebenden Menschen gerät. Der befallene Mensch reagiert danach seltsam und redet sogar mit einer fremden Stimme. Laut Rachel Elior gab es offenbar junge Frauen, die den mittelalterlichen Zwängen entkommen wollten und so taten als sei ein Dybbuk in ihrem Körper. Dementsprechend galten sie als geisteskrank und kein Mann wollte sie mehr ehelichen.
Die Idee mit dem Dybbuk klingt für mich eher belustigend, aber ich denke einmal, dass die Frauen damals das gar nicht so lustig fanden. Lieber als verrückt gelten als mit irgendeinem alten perversen Typen verheiratet sein !
In der jüdisch relig. Gesellschaft finden wir bis heute dieselben gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Nämlich Ehe und Kinder.
Dennoch, die Freiheiten, die wir heutzutage besitzen hatten die Frauen im Mittelalter keineswegs. Damals bestimmten Eltern und Gesellschaft die Normen und wer als Frau dagegen rebellierte, galt als geisteskrank. In der Kirche / Inquisition als Hexe und im europ. Judentum als Dybbuk – befallen.
Rebellierende Frauen wurden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass es in jüdischen Kreisen schon immer gebildete, intelligente und selbstbewusste Frauen gab. Nehmen wir die Töchter des Talmudkommentator Raschi, die mit ihrem Vater den Talmud studierten. Oder Frauen wie Dona Gracia, Devorah, Beruriah oder die jüdischen Vormütter Sarah, Rivka (Rebekka), Rachel oder Leah. Und ein Yitzchak betete einst zusammen mit seiner Frau Rivka. Diese unabhängigen Frauen würden keinem Reformjudentum beitreten, sondern es handelte sich um fromme jüdische Feministinen.
Oder man schaue auf die Jungfrau von Ludmir. Eine historische Figur, über die ich irgendwann noch mehr berichten will. Oder Eidel Rubin, die Tochter des ersten Belzer Rebben Shalom Rokeach. Rachel Elior zitiert die Autorin Ada Rappaport – Albert „On Women and Hasidism“: Eidel rebellierte gegen die gesellschaftlichen Normen. Sie war die Tochter des Rebben der chassidischen Gruppe Belz, Rabbi Shalom Rokeach (1783 – 1855). Offenbar wurde sie vielerseits als Zaddeket (gerechte Frau) verehrt und war in relig. Themen extrem gebildet. Eidel forderte sogar ihren Bruder Yehoshua heraus, doch der wiegelte ab und beschuldigte seine Schwester, von einem Dybbuk besessen zu sein. Dieselben Behauptungen kamen von den Gegnern der Jungfrau von Ludmir. Wer nicht konform ging, war halt vom Dybbuk befallen.
Der Autor Menachem M. Brayer schreibt dagegen in seinem Buch „The Jewish Woman in Rabbinic Literature: A psychohistorical perspective“, dass Rebbe Shaloms Gattin Malka bereits außerordentliche Fähigkeiten hatte und sich großer Beliebtheit erfreute. Eidel wäre lediglich in die Fussstapfen ihrer Mutter getreten.
Rachel Elior bringt jedoch eine Quelle, aus der hervorgehen soll, dass Rabbi Yehoshua Rokeach seine Schwester einer Art Dybbuk – Exorzismus unterzog. Bezüglich Eidel, die später heiratete, fand ich im Internet diese Information:
http://www.geni.com/people/Eidel-Rubin/6000000004113473112
Rachel Elior verfasste ein interessantes und lesenswertes Dybbuk Buch, welche eine Menge an Details zur Rolle der jüdischen Frau im Mittelalter enthält. Ihre These klingt einleuchtend, obwohl man hier immer den Individualfall sehen muss und nicht verallgemeinern darf. Selbst wenn sich eine junge Frau im Mittelalter gegen die Gesellschaft aufbäumte, konnte sie wohl kaum Mitleid oder Verständnis erwarten. Wer gegen die Regeln verstiess, wurde automatisch zum Außenseiter und galt somit als geisteskrank. Wenn wir ehrlich sind, ist das heute noch nicht soviel anders, nur hat jeder Mensch individuelle Möglichkeiten, auszubrechen.
Ich kann das Buch weiterempfehlen, doch sollte der Leser kein Anfänger in kabbalistischen Themen sein. Wie ich anfangs bereits sagte, interpretieren die Leute wieder zuviel eigene Gedanken hinein und der eher „wissenschaftliche Inhalt“ bliebt auf der Strecke.
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4 Kommentare zu “Jüdische Frauen im Mittelalter und ihre Flucht in die Freiheit

  1. Ein sehr interessanter Post! Ich glaube allerdings, dass sich Feminismus und orthodoxes Judentum ausschließen, weil einfach die Geschlechterrollen (wie auch im Islam, im fundamentalistischen Christentum und auch in verschiedenen asiatischen Kulturen) unumstößlich festgeschrieben sind, so dass Abweichungen autormatisch „Sünde“ oder „Verrücktheit“ bedeuten. Wer Feminist/in ist, muss alle fundamentalistischen Ideenwelten hinter sich lassen, egal wie sie heißen und aus welcher Ecke sie kommen. Das ist zumindest meine Meinung dazu.

  2. B“H

    Das muss nicht immer so sein, denn es kommt darauf an, was man als ORTHODOX definiert. Die Nationalreligioesen, Haredim, Chassidim, und und und. Die Liste ist lang.

    Im Grunde genommen ist ein ganz normaler Jude bereits orthodox, wenn er in eine orthodoxe Synagoge geht und mindestens eine Mitzwah (sei es Schabbat, Kaschrut – Koscheres Essen, oder Feiertage einhaelt. In Israel kennt die Orthodoxie viele Definitionen und Auslegungen und es existiert nicht nur DIE eine Orthodoxie, die da dunkel und alles verschlingend ueber einem schwebt.

    Aber nehmen wir einmal Deine Theorie in Bezug auf die Nationalreligioesen oder haredischen (ultra – orthodoxen) Frauen. Wobei ULTRA – ORTHODOX in der hebraeischen Sprache nicht existiert, sondern nur im Deutschen oder Englischen.

    Eine haredische Frau, und hierbei kommt es auf den familiaeren Background an, kann sehr wohl Anwaeltin oder Aerztin werden. Vielleicht vermehrt in den USA und nicht unbedingt in Israel. Obwohl, es kommt immer auf den Background drauf an.

    Nicht alle Frauen stehen nur in der Kueche, sondern arbeiten nebenher. Viele ultra – orthodoxe Frauen arbeiten vorwiegend in der Hightech – Branche. Einige IT – Unternehmen in Jerusalem und Beit Shemesh stellen ausschliesslich haredische Frauen ein und niemand anderen.

    Klar, steht dort die Familie immer noch an erster Stelle, aber so allmaehlich aendert sich das Bild, Nicht ueberall, aber bei einigen Familien schon. Auch, weil das Geld knapp ist und dazu verdient werden muss.

    Bei orthodoxen nationalrelig. Frauen in Israel findet man heutzutage kaum mehr Unterschiede zur restlichen Frauenwelt. Du findest sie an Unis, in Akademikerberufen genauso wie die einfache Landarbeiterin. Nebenbei versorgen sie Kinder und Haus, wobei ich nicht selten erlebe, dass der Mann zupackt, denn die berufstaetige Frau wuerde das alles allein gar nicht mehr schaffen.

  3. Danke für die Antwort und die Infos! Ja, so ist es wohl. Man sollte nie alles über einen Kamm scheren, natürlich auch nicht beim Thema fundamentalistische Religion/Orthodoxie.

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