10 Tevet/Juedische Geschichte/Propheten/Tempel

„Die verpasste Gelegenheit“ oder „Brauchen wir ein Jerusalem ?“

B“H
Vor ein paar Jahren nahm ich an einem Schiur (Unterricht) der Jerusalemer Orthodox Union (Israel – Center) teil, bei dem wir Zuhörer zusätzliche Einzelheiten zu diesem Tag lernten. Der Vortrag wurde von Rabbi Chaim Eisen gegeben, der bemerkenswerter Weise in sämtliche talmudische Details ging.
Am 10. des jüdischen Monat Tevet (am heutigen Donnerstag) begannen die Babylonier mit der Belagerung Jerusalems. Einige Zeit später nahmen sie die Stadt ein und zerstörten den Ersten Tempel (586 vor der Zeitrechnung).
Wieso wurde der Erste Tempel schließlich zerstört ? Hatte nicht G – tt die Juden schon mehrere Male gerettet und somit vor dem Feind verschont ? Zur Zeit König Chizkiyahu als Sennacheriv Jerusalem belagerte und dessen Armee wie durch ein Wunder des nachts umkam. Oder später die Juden in Babylonien als Haman plante, alle Juden umzubringen und sie durch Esther und Mordechai gerettet wurden.
Sobald schlechte Zeiten für das jüdische Volk beginnen, ist es jedesmal wieder an der Zeit zur kollektiven Umkehr zu G – tt. So geschah es zu Zeiten Chizkiyahus als alle Juden beteten und somit das negative G – ttesurteil abwendeten. Aber auch die Umkehr der Juden Babylons zur Zeit Esthers bewirkte dasselbe.
In der Gemara (rabbinische Diskussionen) des Talmud Rosh Haschana 18a wird darüber diskutiert, ob wir in der Lage sind, ein von G – tt ausgesprochenes negatives Urteil über uns, abzuwenden. Rabbi Akiva ist der Ansicht, dass eine einzelne Person dies nicht vermag, eine ganze jüd. Gemeinde dagegen schon. Rabbi Yochanan hingegen war der Ansicht, dass ein einzelner sehr wohl in der Lage ist, sein vorbestimmtes Schicksal zum Positiven zu verändern (genauso dachten Rabbi Yitzchak und Rabbi Me’ir).
Viele talmudische Rabbiner sind jedoch der Meinung, dass jeder einzelne anhand von tiefen inneren Gebeten sein Schicksal zu ändern vermag. Ein ernsthaftes Gebet kann aus jemandem einen neuen Menschen machen und aufgrunddessen werden die negativen G – ttesurteile hinfällig.
Die Babylonier begannen am 10. Tevet die Belagerung Jerusalems, aber wieso fasten wir am 10. Tevet ?
Der Tempel wurde erst viel später zerstört. Wegen einer Belagerung allein braucht man nicht gleich zu fasten. Und woher wissen wir überhaupt, dass wir am 10. Tevet fasten müssen ?
Das genaue Datum berichtet uns der Prophet Yechezkel (24:1 – 2). Diesem trug G – tt höchstpersönlich dieses Datum auf.
Die Belagerung allein ist kein Grund zu fasten, doch worum genau trauern wir am 10. Tevet ?
Allgemein werden ganz andere Gründe für den 10. Tevet genannt. Der große Prophet Ezra, der mehrere Tausend Juden aus dem 70 – jährigen Babylonischen Exil zurück nach Israel führte, verstarb am 9. Tevet.
Aber nicht nur, dass Ezra für die Rückkehr der Juden sorgte; die Gemara im Talmud Traktat Sanhedrin 21b nennt ihn würdig, den damaligen Juden die Thora wieder zurückgegeben zu haben.
Die Gemara läßt uns weiterhin wissen, dass die Thora zu einer gewissen Zeit im Babylonischen Exil vergessen worden war. Genau gesagt, viele Mitzwot (Gesetze) gerieten in Vergessenheit. Dies geschah unter anderem auch, da die Sprache und Schrift der Thora verändert wurde, aber dieses Thema bietet genügend Stoff für einen eigenen Artikel.
Der Tod Ezras war eine nationale Tragödie für das jüdische Volk. Als der neue persische Herrscher den Juden die Rückkehr nach Israel und den Bau eines neuen Tempels erlaubte, war Ezra der Meinung, dass nun alle Juden freudig aufschreien und sofort loslaufen. Tragischerweise war genau das Gegenteil der Fall. Die Juden hatten es sich im Babylonischen Exil zu bequem gemacht; sie errichteten florierende Unternehmen, es ging ihnen gut und sie waren wohlhabend. Wozu also in ein zerstörtes Israel zurückkehren, in dem sie ggf. dem Hunger und der Armut ausgesetzt waren ?
Ezra schrieb an alle Gemeinden und erhielt größtenteils Absagen. Die Juden hatten die Diaspora akzeptiert. Genauso geschah es mit den damaligen deutschen Gemeinden Speyer, Worms und Mainz. Diese Gemeinden waren die ersten in Deutschland und existierten schon zu Zeiten Ezras. Und genau jene deutschen Gemeinden schrieben ihm, dass auch sie lieber in ihren deutschen Städten verweilen wollen.
Laut vieler Meinungen bestrafte G – tt diese drei deutschen Gemeinden für diese Absage. Zur Zeit des ersten Kreuzzuges im Jahre 1096 ermordeten die Kreuzritter mehr als 100,000 Juden bei ihrem Durchmarsch durch die Gegend dieser Städte.
Aus dem damaligen Babylonischen Exil kehrten nur 42.360 Juden zurück nach Israel. Millionen weiter blieben in Babylon. Aufgrund dieser Tatsache unterschied sich der Zweite Tempel in wesentlicher Form vom Ersten.
Im Ersten Tempel war G – ttes Gegenwart, die Schechinah, immer und zu jeder Zeit gegenwärtig. Im Allerheiligsten befand die die Bundeslade, der Hohepriester besaß das Urim ve’Turim, ein Pergament mit den Namen G – ttes, es gab Propheten, etc. All das ging zur Zeit des Zweiten Tempels verloren.
Ursprünglich hatte G – tt eine komplette Wiedereinrichtung vorgesehen, aber dadurch, dass die Mehrheit der Juden das Leben in der Diaspora vorzog, änderte G – tt seine Meinung. Hätten die Juden Ezra nicht abgesagt und zu ihrer nationalen Einheit zurückgefunden, wäre die Geschichte mit Sicherheit anders verlaufen.
Am 10. Tevet betrauern wir nicht den Beginn der Belagerung Jerusalems, sondern die Zeit der verpaßten Gelegenheiten. Hätten die Juden anders gehandelt, dann sehe es heute anders aus.
Bleibt die Frage, ob es heutzutage unter den Juden soviel besser ausschaut. Wer von jenen, die in der Diaspora leben, denkt überhaupt an Israel, an Jerusalem oder an einen Dritten Tempel ? Außer am Shabbatgebet wird doch gar nicht mehr an Jerusalem und dessen Wichtigkeit im Judentum gedacht. Auch heute geht es den Juden in der Diaspora doch gut und wer will schon in das unbequeme krisengeschüttelte Israel zurückkehren ? Auf Besuch kommen alle gerne und danach sind sie schnell wieder weg.
Es ist dieses Verhalten, was wir am 10. Tevet betrauern und darum fasten wir. Wer es sich in der Diaspora zu bequem macht und sich zu wohl fühlt, der handelt gegen G – ttes Willen.
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