Hiob (Iyov)/Juedische Konzepte/Talmud

Die gute und die schlechte Seite in uns – Insights aus dem Talmud Berachot

Den folgenden Text verfasste ich bereits vor einigen Jahren, doch stelle ich ihn hier nochmals aktuell in den Blog. Aus dem einfachen Grund, weil meine nachfolgenden Artikel sich auf genau diesen Inhalt berufen. Zumindest, wenn es um das jüdische Verständnis der Yetzer HaRah (der negativen Seite in jedem von uns) geht.

 

B“H
„VaYatzar HaShem et HaAdam“ – „Und G-tt erschuf den Menschen“
„וייצר את האדם“
Das erste Wort VaYatzar (erschuf) wird an dieser Stelle der Thora zweimal mit dem Buchstaben YUD geschrieben, anstatt nur mit einem Yud.
Die Gemara im Talmud Traktat Berachot 61a fragt, warum das Wort so in der Thora geschrieben steht. Eine der vielen Meinungen in der Gemara lautet, dass G – tt den Menschen mit zwei unterschiedlichen Neigungen erschaffen hat. Die eine Neigung besteht darin, Gutes zu tun und die andere darin, schlecht zu sein. Im hebräischen Wortschatz heisst die gute Seite in uns Yetzer HaTov und die schlechte Seite in uns Yetzer HaRah. Unsere gute Seite will Gutes tun und sich nach der Thora richten und unsere zweite Seite will das genaue Gegenteil. Sozusagen Dr. Jekyll and Mr. Hyde arbeiten gegeneinander.
Berühmten Meinungen in der Gemara zufolge steht also das Wort „erschuf“ zweimal mit dem Buchstaben Yud, weil jedes einzelne Yud eine der Seiten ausdrückt; ein Yud für die Yetzer HaTov und das andere für die Yetzer HaRah. Hätte uns G – tt nicht so erschaffen, würde dies bedeuten, dass kein einziger Mensch einen freien Willen besitzen täte. Waeren wir nur so erschaffen worden, Gutes zu tun, dann wären wir Marionetten. G – tt aber wollte, dass wir die freie Wahl im Leben haben.
Vielleicht kommt jetzt die Frage auf, wie G – tt denn etwas Negatives wie die Yetzer HaRah erschaffen kann. Die Antwort darauf gibt der Ramchal (Rabbi Moshe Chaim Luzzatto): Alles was G-tt erschafft ist gut. Unsere Aufgabe besteht darin, die schlechte Neigung in uns in eine gute zu verwandeln (siehe hierzu auch das Chabad – Buch „Tanya“ sowie den Talmudkommentator Maharsha). Unsere Yetzer HaTov verlangt von uns Gutes zu tun, doch gleichzeitig haben wir diese Stimme im Ohr, die das Gegenteil fordert und uns mit aller Macht dazu überreden will. Die Yetzer HaRah benutzt alle ihr nur möglichen Tricks, um uns zum Negativen zu bewegen. Die Lösung besteht darin nicht auf ihre Argumente zu hören und trotzdem Gutes zu tun.
Ich möchte diese berühmte talmudische Meinung mit einer weiteren Stelle im Talmud Berachot 54a verbinden. Dort heisst es in der Mischna (G – ttes mündliche Ueberlieferung an Moshe auf dem Berg Sinai), dass wir G – tt nicht nur für alles Positive, sondern ebenso für alles Negative segnen sollen. Sagen wir nicht nur Baruch HaShem (G – tt sei Dank), wenn uns Gutes wiederfährt, sondern auch bei schlechten News.
In unserem Shema Israel – Gebet (Abschnitte aus der Thora) heisst es, dass wir unseren G – tt mit ganzem Herzen lieben sollen. Auch an dieser Stelle finden wir wiederum ein Wort, welches ungewöhnlicher Weise mit zwei Buchstaben anstelle eines geschrieben steht. Levavecha – mit deinem Herzen. Hier befindet sich plötzlich zweimal der Buchstabe Beth.
„לבבך“
Die Gemara diskutiert die Bedeutung dieses Wortes „mit deinem Herzen“ mit zweimal dem Buchstaben Beth ב.
Auch hier heisst es, dass man G – tt mit seiner guten Seite sowohl als auch mit seiner schlechten Seite lieben soll. Wie bitteschön sollen wir G – tt mit unserer positiven Neigung und unserer negativen Neigung lieben ? Es erscheint einfach, dass man ihn mit der positiven Seite liebt, denn das wäre am logischsten. Wie aber liebe ich G – tt mit meiner schlechten Seite ?
Hierzu hat u.a. der Rambam (Maimonides) eine sehr interessante Meinung: Unsere schlechte Seite besteht vor allem in übermässigem Essen und Trinken sowie in allen physischen Genüssen. Wenn wir genau dieses Negative in etwas Positives verwandeln, dann ist es uns möglich, G – tt mit unseren beiden Seiten zu lieben. Heisst, wenn wir den Wein nicht benutzen, um uns sinnlos zu betrinken, sondern ihn stattdessen zum Kiddusch am Schabbat verwenden. Oder wenn wir am Schabbat die vorgegebenen drei Mahlzeiten haben und zu Ehren des Schabbat essen. Somit wird das Negative plötzlich positiv.
Aber wie schon zuvor erwähnt, G – tt erschuf uns absichtlich so, um uns die freie Wahl zu geben. Alles in unserem Leben ist von Ihm vorbestimmt: werden wir reich sein oder arm, wie wir unser Geld verdienen, unsere Eltern, unsere Freunde, einfach alles. Nur eine einzige Sache liegt in unserer Hand: Werden wir gute oder schlechte Menschen, werden wir g – ttesfürchtig oder völlig irreligiös sein.
Jetzt kommt eventuell die Frage auf, wo denn da unsere freie Wahl im Leben liegt. Das Thema der „Free Choice“ im Judentum ist unermesslich schwer zu beantworten und ein sehr umfangreiches Thema. Wo endet und wo beginnt unser freie Wille.
Nach der Ankunft des Meschiach wird G-tt die schlechte Seite auslöschen und es wird nur noch Gutes geben (siehe Talmud Sukka 52a und Bava Batra 17a).
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