Thora Parasha

Parashat KI TEITZE – פרשת כי תצא

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Photo: Miriam Woelke
B“H
Die Thoralesung für diesen Schabbat
Die dieswöchige Parasha besteht aus einer unendlich langen Liste von Halachot (Gesetzen). Gleich die erste Halacha langweilte mich jahrelang. Immer wenn ich zu einem Thora – Schiur ging und der Rabbiner über die Parashat Ki Teitze sprach, wußte ich, was garantiert zur Sprache kommen wird. Auch ich will das Thema hier zur Sprache bringen, allerdings etwas anders erklärt und ich hoffe, dass niemand sich langweilen wird.
Laut Thora müssen jüdische Männer, wenn sie in den Krieg ziehen und sich in eine weibliche Kriegsgefangene verlieben sollten und diese heiraten wollen, sie vor der Ehe mit heimnehmen. Zuhause angekommen muß sie sich ein altes Kleid anziehen, ihr Kopfhaar wird geschoren und ihre Fingernägel sollen wachsen. Auch soll sie um ihre im Krieg umgekommenen Eltern trauern. Gesetz des Falles das diese nicht umkamen und noch leben, soll sie wegen der Trennung von ihren Eltern trauern. Der Thorakommentator Ibn Ezra erklärt hierzu, dass uns dies aufzeigt, dass wir immer unsere Eltern ehren sollen. Im Leben sowie im Tod.
Die Thora spricht von EHREN und nicht von LIEBEN. Rabbi Meir Weiner aus Jerusalem sagte einmal bei einem Thora – Schiur, dass uns die Thora verpflichtet, unsere Eltern zu ehren. Verpflichtet, unsere Eltern zu lieben, sind wir dagegen nicht. Die beliebte Frage hierauf ist jedesmal, was geschieht, wenn Eltern ihre Kinder mißhandeln. Ich denke, dass die Antwort darauf nicht generell ausfallen kann und jeder Einzelne sich da mit seinem Rabbiner individuell absprechen sollte.
Warum kann ein jüdischer Soldat nicht einfach die Kriegsgefangene mit heimnehmen und sie sofort heiraten ? Wieso gibt uns die Thora so komplizierte Gesetze und läßt den Soldaten einen Monat lang auf seine Angebetete warten ?
Der jüdische Soldat verliebte sich in eine Kriegsgefangene, die er auch gegen ihren Willen mit heimnehmen konnte und sie dort der in der Thora vorgeschriebenen Prozedur aussetzt. Sie soll sich absichtlich häßlich machen, denn nach einem Monat könnte der Soldat sein Interesse an ihr verlieren. Wenn er sie zum ersten Mal sieht, mag sie Miss World sein, aber mit geschorenem Kopf und langen Fingernägeln, wer weiß….Die Thora fährt fort, dass, sollte er kein Interesse mehr zeigen, er sie wegschicken kann. Raschi sowie der Ramban verstehen den Thoratext so, dass der Soldat die Frau auch gegen ihren Willen mitnehmen kann. Vor Beginn der in der Thora beschriebenen Prozedur darf er einmal sexuelle Beziehungen mit ihr haben, danach aber nicht mehr (siehe Talmud Traktat Kidduschin 22a). Erst wieder nach der Hochzeit, falls diese stattfinden sollte.
Soweit die allgemeinen Erklärungen aus der Thora und auch aus meinem Shiurim. Aber wie wir wissen, will uns die Thora noch ganz andere tiefere verborgene Dinge lehren und nach denen müssen wir suchen. Der Thorakommentator Kli Yakar gibt uns seine Idee eines tieferen Insights. Den Auszug in den Krieg betrachtet er als unseren alltäglichen individuellen Krieg mit uns selbst. Täglich kämpfen wird aufs Neue mit der schlechten Seite (Charaktereigenschaft) in uns. Unsere Yetzer HaRah (schlechte Seite) versucht uns Dinge einzureden, die wir im Grunde genommen nicht bereit sind zu tun. Plötzlich kommen uns Gedanken in den Kopf wie, es sei ja nicht so schlimm und wir machen es auch nie wieder. Unsere Yetzer versucht uns auf alle möglichen Arten zu überreden, etwas Negatives zu tun. Genau das sieht der Kli Yakar als den Krieg, indem wir gegen einen inneren und einen äußeren Feind ankämpfen. Der innere Feind sind wir selbst und der äußere sind die materiellen Einflüsse auf uns. Der Soldat sieht eine schöne Frau und ist voll von ihr besessen. Die will er heiraten und keine andere. Mit dem Verhalten folgt er seiner Yetzer HaRah und verliert jedes logische Denken. Da wir jedoch in G – ttes Ebenbild erschaffen worden sind, heißt, wir besitzen wie er eine Moral und einen Verstand, können wir uns nicht einfach so von unseren Gefühlen verleiten lassen. Deswegen gab G – tt das Thoragesetz, dass die Kriegsgefangene sich häßlich zu machen hat.
Auch der derzeitige Rebbe der Chassidut Slonim, in Jerusalem, Rabbi Shmuel Bozorowsky, sowie der ehemalige Rebbe der Chassidut Gur, der Sefat Emet, sehen in dem Kriegsauszug genauso eine Kriegserklärung gegen unsere eigene individuelle „Yetzer HaRah“. Zu sehr lassen wir uns von spontanen Gefühlen leiten, welche metaphorisch als Feind zu betrachten sind. Sämtliche unserer Charaktereigenschaften, selbst unsere negativen, sollten wir in etwas Positives umleiten oder zumPositiven nutzen. Geben wir uns erst einmal unseren negativen Gedanken oder Bedürfnissen hin, dann besteht die Gefahr, dass wir nachfolgend auch noch die Thoragesetze brechen.
Wird der Soldat jetzt auch noch seiner Yetzer folgen ? Sobald sie erst einmal häßlich und vernachlässigt ausschaut, mag er ganz anders denken und zur Besinnung kommen. Der Kommentator Ibn Ezra schreibt, dass dann erst der richtige Tikun (Reparatur der Seele) des Soldaten einsetzt. Auf Hebräisch nennen wir es „Cheschbon Nefesch“, nämlich darüber nachzudenken, was wir eigentlich getan und verursacht haben. In anderen Worten ausgedrückt – „Bilanz zu ziehen“.
Sollte der Soldat trotz allem immer noch Interesse an der Frau haben, so darf er sie heiraten und sie muß zum Judentum konvertieren und all ihre anderen vorherigen Götter und jeglichen Götzendienst ablegen. Will der Soldat sie aber absolut nicht mehr, kann er sie wegschicken. Der Thorakommentator Ohr HaChaim kommentiert, dass ein aufrichtiger Konvertit zum Judentum das Schlechte in seiner Seele ablegen muß um das Gute zum Vorschein zu bringen. Der Alter Rebbi (Rabbi Shneur Zalman von Liadi, Gründer der chassidischen Gruppe Chabad) schreibt in seinem Buch TANYA ausführlich über das Thema der Kelipot (Seelenschalen). Unsere Seele ist unterteilt in gute und schlechte Teile und dazwischen befindet sich die Klipa Nogah, welche Gut von Böse voneinander trennt, aber dennoch beides enthält. Ein Konvertit muß sich auf das Gute in seiner Seele besinnen und das Negative ablegen. Heißt im Klartext, dass er seinen vorherigen Götzendienst nicht mehr ausführen darf und sich bereit erklärt, dem EINEN G – tt und Seinen Thoragesetzen zu folgen. Allgemein gefaßt besteht unsere täglich Aufgabe darin, den Kampf gegen unsere negativen Charaktereigenschaften zu gewinnen und die Mitzwot (Gesetze) einzuhalten.
Ein weiteres interessantes Gesetz ist, dass wir beauftragt werden, ein Geländer um jedes Dach zu bauen. In Israel sehen wir es sehr häufig, dass es kleine niedrige Geländer um die Hausdächer gibt, damit niemand hinunterfällt. Aber auch zu diesem Gesetz gibt es natürlich wieder tiefere Gründe, die uns, unter anderem, der Rambam (Maimonides, 1135 – 1214) erklärt. Nicht nur, dass sich Menschen auf einem Dach in Gefahr geben und durch das Geländer vor dem Fall beschützt werden wollen. Nein, der Rambam betrachtet das Thoragesetz als eine Art Vorbeugung gegenüber allen Gefahrensituationen. Es ist uns absolut verboten, uns selbst überflüssiger Gefahr auszusetzen. Autoraser, Bungie – Jumping und all das in der Art. Die Thora verbietet uns, unser Leben achtlos aufs Spiel zu setzen, denn wir bringen nicht nur uns, sondern auch andere in Gefahr.
Um nochmals auf die Kriegsgefangene und den Soldaten zurückzukommen. Warum erwähnt die Thora zuerst sie, und danach einen Ehemann mit zwei Frauen, einer ihm verhaßten und einer, die er liebt ?
Sollte die von ihm verhaßte Frau den ältesten Sohn gebären, so ist er verpflichtet, diesen als den Haupterben anzuerkennen. Gleich nach der Episode folgt ein aufrührerischer Sohn, der seinen Eltern und der Stadt Schande macht. Die Eltern können ihn dann vor ein rabbinisches Gericht bringen, welches ein Todesurteil fällen kann. Bestes Beispiel hierfür sind Götzendienst oder wenn der Sohn alle, incl. G – tt, verflucht.
Warum sind diese drei Episoden nacheinander aufgeführt ?
Raschi sieht es als eine Kettenreaktion. Zuerst bringt der Mann eine Nichtjüdin aus dem Krieg mit heim und danach ergibt sich der Rest. Bestes Beispiel sind König David und dessen Sohn Avschalom. Avschalom hatte eine nichtjüdische Mutter, welche ihn ganz in ihrem Sinne erzog und der Sohn später gegen seinen Vater rebellierte.
Und die Lehren, die wir ganz persönlich aus diesen Punkten in der Parasha ziehen können sind, uns nicht immer von unseren Gedanken verleiten zu lassen. Und seien sie anfangs noch so überzeugend. Jeder von uns besitzt die Kraft, sich dagegen aufzulehnen und dem Verstand zu folgen und nicht nur den Gefühlen. Das ist es, was uns in G – ttes Ebenbild erscheinen läßt und uns vom Tier unterscheidet.
Auch sollten wir gerade jetzt im Monat Elul vor Rosh Hashana die berühmte „Cheshbon Nefesh“ üben. Über unsere Vergehen nachdenken und wie wir es beim nächsten Mal besser machen können. Eine ernsthafte Reue (Vidui – Eingeständnis unserer Vergehen) und mit der gleichzeitigen Absicht alles besser machen zu wollen, sind eine Grundvoraussetzung für das anstehende Neujahrsfest (Rosh Hashana, beginnend am Abend des 24. September), an dem G – tt die ganze Welt und die gesamte Menschheit richtet.
Schabbat Schalom
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