Agunot/Chabad (Lubawitsch)/Chassidische Geschichte/Frauen in der Ultra - Orthodoxie

Die Rolle der Frau in Chabad – Lubawitsch (vom Alter Rebben bis Yosef Yitzchak)

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Photo: Miriam Woelke
Das Buch besteht aus mehreren Essays von bekannten Researchern, die sich mit der Geschichte des Chassidismus beschäftigen.Genau genommen handelt es sich um zwei Buchbände und nicht nur um ein Buch. 🙂
B“H
Meine Hauptquelle für die Entstehung dieses Blogartikels basiert auf einer Publikation der israelischen Chassidismus – Researcherin Ada Rapoport – Albert. Der Titel ihres Essays lautet: „On Women in Hasidism“
Zuerst aber muss ich ein paar Hintergrundinformationen liefern. Für den ein oder anderen Leser mag das zu trocken sein, doch komme ich um die historischen Daten nicht herum.
Der dritte Lubawitscher Rebbe war Rabbi Menachem Mendel Schneerson. Besser bekannt unter dem Namen Zemach Zedek (1789 – 1866). Er war verheiratet mit Chaya Moushka.
Der vierte Lubawitscher Rebbe war Rabbi Shmuel Schneerson (1834 – 1882). Er war verheiratet mit Rivka.
Der fünfte Lubawitscher Rebbe war Rabbi Shalom Dovber (1860 – 1920). Seine Gattin hiess Shterna Sarah (1860 – 1942).
Und der sechste Lubawitscher Rebbe war Rabbi Yosef Yitzchak Schneersohn (1880 – 1950). Der Name seiner Gattin lautete Nechama Dinah.
Bis zum sechsten Lubawitscher Rebben Yosef Yitzchak war es eher unüblich, dass ein Rebbe der Chassidut Lubawitsch Frauen empfing bzw. mit ihnen sprach. Der Gründer und erste Rebbe Schneur Zalman von Liadi, vermied grundsätzlich jeglichen Kontakt zu Frauen. Außer zu seiner Ehefrau natürlich. Alle nachfolgenden Rebben, einschliesslich dem fünften Rebben Shalom Dovber, führte die Tradition des Schneur Zalman weiter. Keine Frau wurde zum Chabad – Rebben durchgelassen.
Warum kamen die Frauen dann überhaupt ? Weil sie den Rebben um halachischen Rat fragen wollten. Oft handelte es sich hierbei um Agunah – Angelegenheiten. Wenn eine Frau die Scheidung einreichen will, der Ehemann jedoch seine Einwilligung verweigert. In solch einem Fall kann keine Scheidung ausgesprochen werden, denn beide Parteien müssen ihre Zustimmung erteilen. Heutzutage wird dies so gehandhabt, dass der Ehemann gezwungen wird, seine Einwilligung zu geben. Wenn nötig mit Gefängnisstrafen.
Aber zurück zu den Lubawitscher Rebben: Wenn nun eine Frau kam und darauf bestand, den Rebben persönlich um Rat zu fragen, so kam es durchaus vor, dass die Frau eines chassidischen Rebben (die Rebbitzen) sich als Vermittler zur Verfügung stellte. Im Fall des fünften Lubawitscher Rebben Shalom Dovber war es nicht unüblich, wenn seine Frau Shterna Sarah die Frauen empfing und deren Fragen an ihren Gatten weiterleitete. Bei vorherigen Lubawitschern Rebben kam es schon einmal vor, das seine Frau eingelassen wurde. Jedoch musste sie hinter einer Türe stehen und von dort aus dem Rebben ihr Anliegen vortragen. Zur damaligen Zeit kam es vor, dass auch nichtjüdische Frauen bei einem chassidischen Rebben vorsprechen wollten und Rat suchten. Häufig wollten sie den Rebben bitten, für ein krankes Familienmitglied zu beten.
Die erste drastische Neuerung kam mit Shterna Sarah, der Ehefrau des fünften Lubawitscher Rebben Shalom Dovber. Jahre später würde der Sohn und sechste Rebbe Yosef Yitzchak sagen, seine Mutter sei seinem Vater eine Assistentin gewesen. Unter anderem erledigte Rebbetzen Shterna Sarah die meisten Büroarbeiten ihres Mannes.
Im Jahre 1871 gründete Rebbe Shalom Dovber die, zur damaligen Zeit berühmte Chabad Yeshiva Tomche’i Temimim. Es war keine Geringere als Rebbitzen Shterna Sarah, welche die erste weibliche Fundraising Gruppe ins Leben rief. Zuerst bestanden die Spender lediglich aus Frauen, die dem inneren Chabad – Zirkel angehörten. Bald darauf weitete sich der Spendenzirkel auf alle Chabad – Frauen aus. 
Shterna Sarah eröffnete einen Eßsaal für die Studenten von Tomche’i Temimim. Es gab Mittagessen bestehend aus Suppe, etwas Fleisch und Brot. Die REBBETZEN’s Krupnik (Gerstesuppe) wurde extrem populär. Fundraising war jedoch keine Erfindung der chassidischen Gruppe Chabad, sondern wurde schon lange vorher in der jüdischen Welt Osteuropas praktiziert. Bekannte Yeshivot (relig. Lehrinstitute) wurden auf diese Weise finanziert.
Rebbitzen Shterna Sarahs Ehemann Dovber betrachte Frauen allgemein als die Quelle des potenziellen säkuleren Judentums. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein erhielten die Frauen von Chabad keinerlei formelle jüdische Bildung. Die Frauen fanden sich von jeglicher Bildung ausgeschlossen und waren auch nicht der hebräischen Sprache mächtig. Einzig Jiddisch und Russisch verstand man. Dann aber wurden die Frauen auf einmal dazu ermutigt, säkulere Themen sowie Fremdsprachen zu lernen. Die Folge war, dass die Frauen zwangsläufig der säkuleren Kultur Europas ausgesetzt waren.
Was war der Grund die Frauen zum Erlernen säkulerer Studien zu ermutigen ? Vielleicht derselbe, den wir auch heute vorfinden: Die Frauen sollen in der Lage sein, einen Beruf zu erlernen, einen guten Job zu finden und so die Familie ernähren.
Der sechste Rebbe Yosef Yitzchak besuchte von 1929 – 1930 die USA. Während seinem Besuch stellte er entsetzt fest, dass sich die jüngere Genration immer mehr von der jüdischen Orthodoxie entfernte. Als erste Problemlösung schlug er deshalb jungen verheirateten Frauen vor, die Taharat HaMishpacha (Familienreinheit) einzuhalten. Eine Frau solle nicht darauf verzichten, nach dem Ende ihrer monatlichen Periode in die Mikweh (Ritualbad) zu gehen. In der Orthodoxie bildet der regelmäßige Gang einer verheirateten Frau zur Mikweh eine wichtige relig. Grundvoraussetzung.
Unter Rebbe Yosef Yitzchak setzte sich eine bedeutende Veränderung durch: Frauen erlenten die chassidische Doktrin. Zum ersten Mal wurden die Frauen von Chabad in basisorientierten jüdischen Studien unterrichtet. Väter sollten nicht nur ihre Söhne unterrichten, sondern von nun an auch ihre Töchter. 
In unserer heutigen Zeit rühmt sich Chabad, die intellektuellste aller chassidischen Gruppen zu sein. Frauen und Männer erlernen höhere jüdische Studien und ich glaube, es war der siebte und letzte Rebbe Menachem Mendel Schneerson, der den Frauen sogar das Talmudstudium erlaubte. Wer zu Chabad – Vorträgen geht, der hört nicht nur irgendwelche netten kleinen Hausfrauengeschichten, sondern der Zuhörer ist gefordert, sein Hirn einzuschalten. Man schaue nur auf das Chabad – Buch TANYA, welches alles andere als leichte Lektüre darstellt.
Zu Lebzeiten sagte Rebbe Yosef Yitzchak, dass bereits der vierte Rebbe Shmuel die Mädchen in chassidischen Belangen unterrichtet sehen wollte. Sein Statement untermauerte er mit dem Hinweis, dass schon der berühmte Ohr HaChaim (Rabbi Chaim ben Attar, 1696 – 1743, aus Marokko) gemeinsam mit dessen Töchtern die Torah lernte. Aus diesen Studien entstand der allseits bekannte Thorakommentar „Ohr HaChaim“.
Nichtsdestotrotz fand ich für die Behauptung, der Ohr HaChaim habe die Thora zusammen mit seinen Töchtern gelernt, keinerlei Beweise. Allerdings habe ich bisher nur das Internet durchforstet und es kann ja sein, dass in einem Fachbuch mehr dokumentiert ist. Deswegen würde ich mich freuen, wenn ein Chabad – Spezialist einen Kommentar hinterläßt.
Ich muss gestehen, dass mich Frau Rapoports Schreibstil nicht selten verwirrte. Sie benutzt unendlich lange Sätze und erwähnt darin zwei Rebben. Demensprechend kann es schwierig werden herauszuklamüsern, welcher Rebbe jetzt was gesagt hat und wer gerade wen zitiert.
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