Stories aus dem Talmud/Tisha be'Av

Zum Tisha be’Av aus dem Talmud: „Kamtza & Bar Kamtza“

B“H
Am Montagabend, dem 4. August 2014, beginnt der Tisha Be‘ Av (9. des Monats Av), der Tag beider Tempelzerstörungen. Der Tisha be’Av endet am Dienstagabend (5. August).
Wie in jedem Jahr stelle ich die nachfolgende talmudische Lehre aus dem Traktat Gittin 55b – 56a in den Blog. Es handelt sich dabei um die berühmte Gemara, in der von zwei Personen die Rede ist: von Kamtza und von Bar Kamtza. Die Gemara in Gittin 55b sieht das Geschehen und vor allem den tragischen Ausgang als einen der Gründe, warum der Zweite Tempel zerstört wurde. Irgendwo las ich dieser Tage, dass beide Tempel aufgrund von „Sinat Chinam – Gegenseitigem Hass“ zerstört wurden. Diese Behauptung ist falsch, denn nur der Zweite Tempel wurde aufgrunddessen zerstört.
Link: In Bezug auf die Zerstörung des Ersten Tempels nennt uns der Talmud Yoma wesentlich andere Gründe. Unter anderem, Götzendienst.
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Es war einmal ein Mann, der hatte einen Freund namens Kamtza und einen Feind namens Bar Kamtza. Eines Tages entschloß sich der Mann, zu einem großen Bankett einzuladen und schickte einen Bediensteten aus, um Einladungen zu verteilen. Er sagte zum Bediensteten, dass er zu Kamtza gehen und ihn einladen solle. Doch der Bedienstete ging aus Versehen zu Bar Kamtza (dem Feind).
Pünktlich zum Bankett traf Bar Kamtza ein und setzte sich an einen der Tische. Den Hausherrn traf fast der Schlag als er seinen Feind dort sitzen sah. Er ging auf Bar Kamtza zu und sagte ihm, dass er gefälligst verschwinden soll. Bar Kamtza jedoch fürchtete die Scham vor allen Leuten hinausgeworfen zu werden und sagte zu dem Mann, dass er bleiben und die Rechnung für sein Essen und Trinken selbst bezahlen wolle. Der Hausherr ließ sich jedoch nicht umstimmen. Bar Kamtza bot ihm an, für das gesamte Bankett zu zahlen, wenn er bleiben könne, doch der Hausherr war so wütend, dass er ihn ergriff und eigenhändig hinauswarf. Vor den Augen aller.
Draußen sagte Bar Kamtza zu sich selbst, dass alle dort sitzenden Rabbis den Rausschmiß widerstandslos hingenommen hatten. Niemand von ihnen hatte eingegriffen und so kam Bar Kamtza zu dem Schluß, dass die Rabbis seinen Rausschmiß als selbstverständlich ansahen. Aus Rache ging Bar Kamtza zum Palast des römischen Stadthalter (es ist unklar, ob es der römische Kaiser oder ein Stadthalter war) und sagte ihm, dass die Juden gegen Rom rebellieren. Zum Beweis dafür schlug Bar Kamtza dem römischen Stadthalter vor, dass er ein Tier zur Opferung in den Tempel schicken solle und er werde ja sehen, ob die Juden es zur Opferung annehmen oder nicht. Der Stadthalter sandte ein Kalb, welches Bar Kamtza überbringen sollte. Doch auf dem Weg verletzte Bar Kamtza die obere Lippe des Kalbes oder entsprechend anderer Meinungen rief er einen Defekt im Auge des Tieres hervor. Aufgrund dieser körperlichen Schaeden konnte das Kalb nicht geopfert werden, da nur einwandfreie Tiere dafür bestimmt sind. Zuerst zogen die Rabbi tatsächlich in Erwägung, dass nicht einwandfreie Tier zu opfern, um keinen Streit mit den Römern hervorzurufen. Letztendlich wurde beschlossen, das Tier nicht zu opfern.
Der talmudische Kommentator Maharsha sagt dazu, dass der Stadthalter vielleicht nachgegeben hätte, wenn die Rabbis sein Kalb dennoch geopfert hätten. Als sein Opfer verweigert worden war, entschloß er sich zur Tempelzerstörung. Der Maharam Shif kommentiert, dass G – tt die Tempelzerstörung schon beschlossen hatte und der Vorfall mit Bar Kamtza nur noch der Auslöser war. Der Maharsha sieht die Schuld bei Bar Kamtza, da es verboten ist, durch Haß Zerstörung hervorzurufen. Nicht jeder, der ungerecht behandelt worden ist, sollte mit der Keule um sich schwingen und auf Rache sinnen.
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Die Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer (70 nach Beginn der Zeitrechnung)
Photo: Temple Institute Jerusalem
Wir finden in dieser Gemara drei Menschen, die nur aus Hass handeln und dabei zerstörerisch vorgehen. Zuerst der Mann, der Bar Kamtza hinauswarf. Die nichtreagierenden Rabbis werden vom Maharsha als zu machtlos gegenüber dem mächtigen Gastgeber gesehen. Bar Kamtza wurde daraufhin so vom Haß befallen, sodass er wild drauflos rannte und die Folgen nicht mehr abschätzen konnte. Er verstieß gegen jegliche talmudischen Gesetze. Erstens rannte er zu den römischen Besatzerbehörden und hetzte gegen seine jüdischen Brüder, was ihm schon allein hätte das Todesurteil einbringen können (siehe Talmud Sanhedrin 73a), und zweitens machte er mit Absicht das Kalb für eine Opferung unbrauchbar, was verboten ist (Talmud Bechorot 33b).
Wie ich schon mehrmals erwähnte haben wir im Judentum das Konzept des „Freien Willens“. Jeder Mensch entscheidet selbst über seine Handlungen und muß hinterher die Konsequenzen tragen. Wie ich ebenso schon einige Male erwähnte, sieht der Ishbitzer Rebbe (Rabbi Mordechai Yosef Leiner) den „Freien Willen“ als eine einzige Illusion an. Es gebe ihn nicht und all unser Tun ist von G – tt vorbestimmt. Wir haben darauf keinen Einfluß. Laut dem Talmud besitzen wir den „Freien Willen“, doch nur insoweit, dass es in unserer Hand liegt, ob wir g – ttesfürchtige Menschen werden oder nicht.
Man könnte meinen, dass die Handlungen der hier involvierten Personen die Tempelzerstörung ausgelöst haben. Andererseits stimme ich mit dem Maharam Shif überein, der sagt, dass die Zerstörung schon längst von G – tt beschlossen war. Wie also hätten die Agitatoren anders reagieren können und trifft sie überhaupt eine Schuld ?
Wir Menschen haben immer wieder die Kraft, bestimmte G – ttesurteile zum Guten zu ändern. In der Chassidut wird der Zaddik (der Gerechte) als derjenige betrachtet, der zu solchen Dingen fähig ist. Mit Gebet und Teshuva (Umkehr) können wir Welten versetzen. Die Antwort könnte lauten, dass wenn die hier aufgeführten Personen anders gehandelt haetten und wenn die Juden überhaupt auf die Warnungen der Propheten gehört und sich zur Umkehr aufgerafft hätten, die Tempelzerstörung vielleicht vermeidbar gewesen wäre. Vielleicht aber war es auch unvermeidbar, denn laut unserer jüd. Tradition kommt der Meschiach und baut den Dritten Tempel, und somit kann es auf Dauer keinen Zweiten Tempel geben.
Heutzutage sollen wir aus dem Fehlverhalten lernen, aber gleichzeitig unseren Blick in die Zukunft auf den Dritten Tempel richten.
Besuch auf dem Tempelberg
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